Valentino Mazzola

Wie der Vater, so der Sohn

Biografie
Geboren am 26. Januar 1919 in Turin
Gestorben am 4. Mai 1949 in Turin.
Grabstätte: Cimitero Monumentale di Torino, Corso Novara 135
Stationen der Karriere als Fußballer
Position: Stürmer
Vereine: AC-Venezia (1939-1942)
AC-Torino (1942-1949)
12 Länderspiele
Italienischer Meister: 1943, 1946, 1947, 1948, 1949
Italienischer Pokalsieger: 1941;1943

Im Italien der Nachkriegszeit war der AC-Torino der Brückenschlag zu jenen Vorkriegszeiten, als die italienische Nationalmannschaft, die „Squadra Azzurra“, den Weltfußball dominierte und Weltmeister 1934 und 1938 wurde. Und die „Squadra“ war klarer Favorit für die 1942 in Deutschland geplante Fußball-WM. Aber dann begann mit dem Überfall Deutschlands auf Polen am 1. September 1939 der Weltenbrand des Zweiten Weltkriegs. Italien war eine Achsenmacht und verbündete sich mit Deutschland. Hitler und Mussolini waren aufeinander angewiesen und gingen miteinander unter. Der eine (Hitler) erschoss sich am 30. April 1945 in der Reichskanzlei in Berlin, der andere (Mussolini) wurde am 28. April 1945 in Giuliano di Mezzegra am Comer See von Partisanen erschossen.

Mit der Kapitulation des Deutschen Reiches erwachte Europa aus einem Alptraum. Aber aus den Ruinen erblühte wieder die Freude am Spiel des Fußballs.  Die Seria A in Italien nahm im August 1945 nach zwei Jahren Spielsperre wegen des Krieges den Spielbetrieb wieder auf, während in Deutschland in der Saison 1945/46 nur Meisterschaften in den Besatzungszonen ausgespielt wurden, die zu den Vorläufern der späteren vier Oberligen wurden. Welche Zuversicht der jungen Spieler, die noch zuvor in den Schützengräben lagen und Todesängste hatten. Nicht zu vergessen die Funktionäre, die im Umfeld der Ruinen -zumindest in Deutschland-wieder einen Spielbetrieb organisierten. Nach Abschluss der Saison 1947/48 gab es nach vierzehn Jahren wieder einen Deutschen Meister im Endspiel zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem 1.FC Kaiserslautern (2:1)

In Italiens Seria A dominierte gleich der Titelverteidiger von 1943, der AC-Torino mit dem zweifachen Weltmeistertrainer Vittorio Pozzo als sportlichem Berater und Kapitän Valentino Mazzola, der bereits 1943 in der Meistermannschaft stand. In den Folgejahren bis zur „Tragödie von Superga“ 1949 gewann der AC-Torino alle Meisterschaften und war praktisch identisch mit der italienischen Nationalmannschaft. Am 11. Mai 1947 standen beim Länderspiel Italien-Ungarn (3:2) elf Turiner Spieler auf dem Platz, zehn vom AC-Torino und der Torhüter Lucidio Sentimenti vom kleineren Lokalrivalen Juventus Turin.

Bild: Valentino Mazzola (links) und Fausto Coppi (rechts)

Valentino Mazzola war in diesen Nachkriegsjahren auf dem Zenit seines Könnens und der Superstar in Italien. „Denn nicht nur die eingefleischten Tifosi, sondern die Italiener schlechthin, stellten Valentino Mazzola auf das Podest von Fausto Coppi und Gino Bartali, die in diesen Jahren mehr fürs nationale Prestige taten als alle Politiker und Künstler“. (Hans Blickensdörfer).

Der Zweite Weltkrieg hatte auch den Lebensweg von Mazzola bestimmt. Geboren in Turin wurde er mit zwanzig Jahren zur italienischen Kriegsmarine einberufen und in Venedig stationiert. Als Mittelstürmer einer Mannschaft seines Marinekommandos fiel er den Verantwortlichen des AC-Venedig, Mitglied der Seria A, auf. Nach einem Probetraining debütierte er am 31. März 1940 im Meisterschaftsspiel gegen Lazio Rom (0:1). Im Juni 1941 gewann Venedig die Coppa Italia und belegte am Ende der Saison 1941/42 sensationell den dritten Platz der Seria A.

Mazzola war ein harter Spieler, gegen sich selbst oder den Gegner. Er ging mit rücksichtsloser Hingabe in die Kopfbälle, was damals aufgrund der Schwere des Balls (in Venetien, der Lombardei und dem Piemont regnet es oft) körperlich zehrend war.

Bild: Valentino Mazzola in Aktion

1942 kaufte ihn der damalige Präsident des AC-Torino, Ferruccio Novo, auf Empfehlung seines sportlichen Beraters Vittorio Pozzo für 1,3 Millionen Lire vom AC-Venezia. Viel Geld, damals schon. Hochgerechnet rund 150.000 US-Dollar. Doch nachträglich ebenso bedeutsam war, dass Ezio Loik mitgekauft wurde, der mit Mazzola später das ideale Mittelfeldpaar wurde und beide fast telepathisch harmonierten. Ihre kongeniale Partnerschaft endete an der Wand der Basilika von Superga..

Die Jahre 1942 bis 1945 -in denen auch in Italien der Weltkrieg tobte- überstand die Mannschaft wie auch immer. Ab 1943 war der Spielbetrieb ähnlich wie in Deutschland eingestellt worden.

Im September 1943 erreichte der Zweite Weltkrieg italienisches Territorium. Die Westalliierten landeten in Sizilien und südlich von Neapel im Golf von Salerno. Als der Krieg in Europa mit der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1945 endete liefen gleich die Vorbereitungen des italienischen Fußballverbandes, im August 1945 den Spielbetrieb der Seria A wieder aufzunehmen.

Neuer Trainer der „Granata“, wie man den AC-Torino wegen seiner granatroten Trikots auch nannte, wurde (Ernö) Egri Erbstein, ein ausgewanderter ungarischer Jude. Er etablierte das bis dahin in Italien nicht praktizierte WM-System. Mit dem erfahrenen Mazzola, mittlerweile 26 Jahre alt, als Kapitän und vielen jungen Spielern wurde aus dem AC-Torino ein „Grande Torino“ und dominierte die Seria A mit vier Meistertiteln hintereinander bis zum Flugzeugabsturz am 4. Mai 1949. Dem Sargkonvoi mit allen Toten des schrecklichen Unglücks wohnten 500.000 Turiner bei. Hinter dem Sarg Valentinos gingen seine Söhne Sandro, geboren am 8. November 1942, und Ferruccio, geboren am 1. Februar 1945.

Sandro Mazzola (in den 60er und 70er Jahren Weltklassespieler bei Inter Mailand und der Squadra Azzurra) erzählte später. “Ich war zu klein, um das furchtbare Unglück zu begreifen. Ich lief hinter dem Sarg her, Blumen in der Hand und sah die Menschen weinen. Ich wollte nur nach Hause und dort warten, bis mein Vater käme. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mein Vater tot sei und nie mehr heimkommen würde“.

Bild: Sandro Mazzola im Trikot von Inter Mailand

„Wie der Vater, so der Sohn“, oder „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“. So ist es aber eher selten in der Welt der Einzigartigen, den genialen Literaten, Malern, Komponisten oder Fußballern. Deren Söhne, auch wenn sie sehr talentiert sind, zerbrechen oft an der Erwartungshaltung nicht nur des Vaters, sondern auch an der der Öffentlichkeit, seien es Medien oder Fans. „Es kann eine Tragödie sein, ein Genie als Vater zu haben“ (Marcel Reich-Ranicki). Klaus Mann, mit hohen schriftstellerischen Fähigkeiten ausgestattet oder sein Bruder Golo Mann als Historiker zerbrachen an der Überfigur ihres Vaters Thomas Mann, dem Nobelpreisträger. Siegfried Wagner-überaus talentiert-war zeitlebens mit der Genialität seines Vaters Richard Wagner konfrontiert. Den Vergleich „wie der Vater, so der Sohn“ kann man im internationalen Spitzenfußball fast an einer Hand abzählen. Eine kleine Auswahl: Cesare Maldini und Paolo, Frank Lampard Senior und Junior, Alf-Inge Haaland und Erling, Peter Schmeichel und Kasper, Jean Djorkaeff und Youri, Finn Michael Laudrup mit seinen Söhnen Michael und Brian, Mazinho mit seinen Söhnen Thiago und Rafinha, Periko Alonso und Xabi oder Johan Cruyff und Jordi.

Aber Valentino und Sandro Mazzola ragten heraus. Beide waren, auf unterschiedlichen Positionen spielend, Weltklasse. Valentino erlebte die große Karriere seines Sohnes jedoch nicht.

Ferruccio, sein zweiter Sohn, spielte auch auf hohem Niveau (Lazio Rom und AC-Florenz), hatte aber nicht ganz das Talent seines Bruders. Vielleicht lag es aber auch daran, dass er bei seiner Mutter aufwuchs, Sandro hingegen beim Vater. Als die prägende Figur seines noch jungen Lebens starb, ging es für Sandro zurück zur Mutter. Den Tod seines Vaters hat er nie verwunden. „Meinen Frieden musste ich auf dem Platz finden, dort fühlte ich mich meinem Vater nahe.“ Aber dieser Platz konnte nicht in Turin sein, weder beim AC-Torino noch bei Juventus. Bei den Heimspielen hätte er die Superga gesehen. Er verbrachte seine gesamte Karriere bei Inter Mailand. Ab 1960 trainierte ihn Helenio Herrera, der gerade den Catenaccio implementierte und einen großartigen Spielgestalter hatte: Luis Suarez, Europas Fußballer des Jahres 1960. An dem kam der junge Mazzola mit all seinen ähnlichen Qualitäten nicht vorbei. Deshalb stellte er sein Spiel um und wurde Antreiber, Arbeiter, Gestalter und Vollstrecker und nach dem Abschied von Suarez 1970 auch noch das Hirn Inter Mailands. Mazzola passte perfekt in die Frontverteidigung von Inter, wie es Herrera verlangte. Sandro war umtriebig, schwirrte in den Innenstürmerpositionen umher, fand Räume und bewegte den Ball. Im Gegensatz zu seinem Vater, den er kaum kannte, war er ein Krieger, der beweisen musste, dass er mehr als nur Valentinos Sohn war. Sandro, von den Tifosi aus Neapel, Rom, Mailand oder Florenz liebevoll Sandrino genannt, war auch für diese eingefleischten Fans der Sohn eines Denkmals, teamübergreifend. Das will in Italien etwas heißen.

Bild: Valentino und Sandro Mazzola

Sandro Mazzola erging es wie allen Söhnen berühmter Fußballer: „Ah, Sie sind der Sohn vom alten, großen Mazzola. Und jetzt willst du in die Fußstapfen deines Vaters treten? Recht so, recht so“. Und er füllte die Schuhe seines Vaters aus und gewann mit Inter Mailand allein zweimal den Europapokal der Landesmeister. Das war seinem Vater nicht vergönnt, obwohl der AC-Torino zu seiner Zeit die wohl beste Mannschaft Europas war. Superga zerstörte alles.

Am 27. Mai 1964 fand im Wiener Prater-Stadion das Finale um den Europapokal der Landesmeister statt: Inter Mailand gegen Real Madrid (mit Puskás, di Stefano, Gento, Amancio). Endergebnis 3:1 mit zwei Toren von Mazzola. Die Legende Ferenc Puskás adelte nach dem Schlusspfiff den großartig aufspielenden Sandro: „Ich habe gegen deinen Vater gespielt. Du hast seinem Namen alle Ehre gemacht“.

Bild: La Grande Inter; u.r. Sandro Mazzola

Der Name Mazzola ist in Italien ein unvergängliches Sinnbild von außergewöhnlicher Klasse des Fußballspielens, aber auch der Tragik.

Valentino konnte ähnlich wie Alfredo di Stefano die Ärmel hochkrempeln, wenn der Spielverlauf es erforderte. Einer musste im Team die Macht übernehmen. Dann ging er in den Maschinenraum und führte seine Mannschaften zum Sieg. Seine Mitspieler konnten auf seinen Schultern dem Sieg entgegen reiten. Er mag nicht der Unvergleichliche gewesen sein wie Guiseppe Meazza, aber er ist der Unvergessliche. Enzo Bearzot, Weltmeistertrainer von 1982: „Der größte italienische Spieler aller Zeiten war Valentino Mazzola“. „Er allein ist die halbe Mannschaft. Die andere Hälfte sind wir anderen zusammen.“ (Teamkamerad Mario Rigamonti)

Valentino hatte eine harte Kindheit in den Straßen von Cassano d’Adda. Der Vater starb bei einem Verkehrs-Unfall, die vierköpfige Familie hatte permanente Existenzängste. Dann erhielt Valentino eine Stelle als Mechaniker bei Alfa Romeo. Das erlaubte ihm, seine Mutter zu unterstützen. Dann kam die Einberufung zum Militär. Lebenslinien. Seine Strenge prägte auch die kurze Zeit des Zusammenlebens mit seinem ältesten Sohn. Die Bilder zeigen die Innigkeit ihrer Beziehung,

Für Sandros größten Sieg jedoch gab es keine Trophäe. Von diesem Sieg zeugt nur ein Foto, das in Sandros Haus auf dem Kaminsims steht und ihn mit seinem Vater zeigt und dem Fußball als ihrer großen Gemeinsamkeit. Sandro stellte es auf, als ihm bewusstwurde, dass er den Schatten Valentinos übersprungen hatte, als er sicher war, dass die Tifosi dem Fußballspieler Sandro Mazzola zujubelten und nicht dem Sohn des Valentino Mazzola.

Bilder: Grabstätte Valentino Mazzola und Gedenkstätte AC-Torino auf dem Cimitero Monumentale di Torino, Corso Novara 135

Sandro Mazzola gewinnt mit Inter Mailand das Europapokalfinale der Landesmeister 1964 gegen Real Madrid (3:1).

We are using cookies to give you the best experience. You can find out more about which cookies we are using or switch them off in privacy settings.

GDPR