Uwe Seeler

Er war einer von uns! Uns Uwe

Biografie
Geboren am 5.11.1936 in Hamburg
Gestorben am 21.7.2022 in Norderstedt
Grabstätte:22337 Hamburg
Friedhof Ohlsdorf
Fuhlsbüttlerstrasse 756
Planquadrat 027; Grab Nr. 37-38 (Hinweisschild)
Zwischen Cordesallee (hinter Wasserturm) und südlichem Eingang zum „Garten der Frauen“
 
Stationen der Karriere als Fußballer
Position: Mittelstürmer
Vereine: Hamburger SV (1946-1972)
Cork Celtic F.C. (1978)
72 Länderspiele (1954-1970); 43 Tore
Rekordtorschütze der Oberliga Nord (267 Tore)
Deutscher Meister 1960
Deutscher Pokalsieger 1963
Fußballer des Jahres 1960, 1964, 1970
WM-Teilnehmer 1958, 1962,1966, 1970
Ehrenspielführer der Nationalelf

„Schon beim Betreten des Platzes zimmerte ich per Dropkick die Kugel in Richtung Meute und imitierte dabei lautstark die Stimme von Kurt Emmerich, der Reporter-Legende aus der NDR-Bundesliga-Konferenz: „Uwe Seeler hat den Ball. Uwe schießt. Und Tor für den HSV. Und somit war ICH Uwe Seeler. Uns Uwe, mein Uwe“. Diese Gefühlswelt prägte die Generation Fußball spielender Jungs in den 50er, 60 er und 70er Jahren, wie sich der Kabarettist Dittsche (Olli Dittrich) erinnert. Und Walter Jens, der sprachgewaltige Altphilologe erklärte das Phänomen: „Uns Uwe, der Einzige. Ausgezeichnet vor allen anderen Fußballspielern, weil man ihn, und niemanden sonst, mit einem Possessiv-Pronomen ehrt, das für umfassende Gültigkeit steht.“

„Uns Uwe“ war keine „falsche Neun“, sondern das Stürmer-Idol für all die Jungs auf den Bolzplätzen des Ruhrgebiets, in Hamburg oder auch in den Städten der DDR. Und aus diesen Jungs wurden später Klaus Fischer, Horst Hrubesch, „Miro“ Klose, Rudi Völler oder Jürgen Sparwasser, „Dixie“ Dörner und Joachim Streich. Originalton Uwe Seeler: „Über die falsche Neun will ich gar nicht nachdenken. Nur so viel: Wenn man den Fußball verkompliziert, wird er nicht besser, sondern schlechter.“ Sein Counterpart Gerd Müller sagt´s bayrisch volkstümlich: „Wennst denkst, is eh zu spät.“

Geboren 1936 in Hamburg-Rothenburgsort, aufgewachsen in einer Mini-Wohnung in Eppendorfs Winzeldorfer Weg/Ecke Fricke Straße in sehr beengten Wohnverhältnissen (Sechs Personenhaushalt). Die Schwierigkeiten der Nachkriegszeit bezeugt die Antrittsrede von Max Brauer (SPD) als Erster Bürgermeister der Hansestadt aus dem Jahr 1946. „Die Schulkinder haben bis zu acht Kilo Untergewicht. Nicht viel mehr als 1000 Kalorien am Tag sind der Durchschnitt, den die Menschen täglich bekommen. Damit können wir keine neue Stadt und keine Demokratie aufbauen“, sollen seine ersten Worte (1946) gewesen sein. „Unser Kampf gilt dem Hunger. Wir müssen 2.500 Kalorien erreichen.“  

Trotzdem wird am Rothenbaum schon wieder Fußball gespielt, und „Vadder“ Erwin Seeler meldet den hungrigen Uwe am 1.1.1946 beim HSV an. Uwe wuchs, wie sein Bruder Dieter, bei den „Rothosen“ auf. Die große Zeit des HSV nach dem Krieg begann 1954. Trainer Mahlmann formierte eine Mannschaft mit „jungen Wilden“, zusammengesetzt aus Akademikern und Arbeitern. Neben der Leitfigur Uwe Seeler Studenten wie Jürgen Werner oder Gerhard Krug, angehende Kaufleute wie Horst Schnoor und Klaus Stürmer. Dazu der Flankengott Gert „Charly“ Dörfel, Angestellter der Holsten-Brauerei, kongenial mit Uwe wie später Manni Kaltz und Horst Hrubesch. Nach den Final-Niederlagen 1957 und 1958 wurde der HSV endlich 1960 Deutscher Fußballmeister mit einem 3:2 Sieg im Endspiel gegen den 1. FC Köln.

Am Rothenbaum lernte Uwe eine Bescheidenheit, die er bis zu seinem Lebensende beibehielt. An der Seite seines Bruders entwickelte sich der nur 170 cm große und nur 75 kg schwere „Schlacks“ zu einem Stürmer mit der Energie einer Kanonenkugel. Am 16. Oktober 1954, rund drei Monate nach dem „Wunder von Bern“, dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft in der Schweiz, debütierte er in der Nationalmannschaft im Alter von nur 17 Jahren, gegen Frankreich in Hannover (1:3)

Dehnbare Vokale, vor allem das U, sind hilfreich für die Legendenbildung. Uuuuuuwe! Das wünscht sich der deutsche Fußball-Fan. Den richtigen Vornamen, den aufreibenden Einsatz für das Team und eine unverwechselbare Optik, seien es die Haare, der regionalspezifische, unverkennbare Sprachduktus oder die herunterhängenden Stutzen. Preußische Tugenden: Disziplin, Pflichtbewusstsein, Treue, Fairness, Fleiß und Willenskraft. Bei Uwe Seeler waren das keine Sekundärtugenden, sondern Primärtugenden. Er war nach dem Krieg neben Fritz Walter, den es nur in Schwarz-Weiß gab, einer der großen deutschen Fußball-Botschafter, die nun farbig auf dem Bildschirm erschienen, wie Franz Beckenbauer, Gerd Müller oder Lothar Matthäus.

Uwe blieb 26 Jahre seinem „Ha-Es-Vau“ treu, bis auf ein Punktspiel in der irischen Bass-League am 25. April 1978, von dem er glaubte, es sei ein von seinem Sponsor „Adidas“ organisiertes Benefizspiel. Ein Spiel für den Cork Celtic FC im Turners Cross Stadion vor 7.485 Zuschauern gegen die Shamrock Rovers (2:6). Ihm war nicht gesagt worden, dass Cork eine Ausnahmegenehmigung des irischen Verbandes hatte, auch Gastspieler bei einem Punktespiel einzusetzen, mit Adidas als Trikotsponsor. Übrigens hatte auch George Best einige Einsätze, um manch guten Pint Murphy’s Irish Stout in den Pubs von Cork zu versenken und dazu noch einen guten Schluck Tullamore Dew Irish Whiskey zu finanzieren. Natürlich erzielte Uwe die beiden Tore für Cork. In seiner Vereins-Chronik lebt Cork Celtic FC neben dem HSV weiter, auch wenn der irische Verein 1979 aufgelöst wurde.

Fast wäre Inter Mailand Bestandteil seiner Fußballer-Vita geworden. Helenio Herrera, der Trainer und Erfinder des Catenaccio, reiste 1961 mit einem Geldkoffer nach Hamburg, prall gefüllt mit einer Million DM in cash, nicht Lire, und eventuell an der Steuer vorbei, um Uwe Seeler zu verpflichten. Der lehnte ab. „Hier gehöre ich hin, nicht nach Italien.“ Seine Heimatverbundenheit zahlte sich aus in hoher nationaler Popularität, glaubwürdiger Reputation und gesicherter finanzieller Existenz. Herrera gewann mit Inter Mailand 1964 und 1965 übrigens den Europapokal der Landesmeister. Uwe Seeler hat nie einen internationalen Titel gewonnen. Egal!

Bedeutende Fußballer zu beschreiben, ermöglicht umfassende Biografien. Davon gibt es viele. Für ein Kurzporträt hingegen braucht es besondere Momente, um einen genialen Fußballer zu beschreiben. Epische Fußballduelle, um sie in ihrer Persönlichkeit, Wucht, Dynamik und Willenskraft zu charakterisieren.

Henry Kissinger, geboren in Fürth 1923, früherer amerikanischer Außenminister, bekennender Fan der Spvgg. Fürth und Fußball-Liebhaber beschreibt in seinem neuesten Buch „Staatskunst“ (2022) die Führungspersönlichkeit von Margaret „Maggie“ Thatcher, der englischen Premier-Ministerin von 1979 bis 1990. Maggie Thatcher veränderte ein ehemaliges Weltreich, das noch immer glaubte, ein Empire zu sein, (übrigens auch das Mutterland des Fußballs) und brachte es brachial auf den Boden der Tatsachen zurück. „Unser Land hat große Probleme zu bewältigen“. Mit Tatkraft und wilder Entschlossenheit reformierte sie das Vereinigte Königreich. Und jetzt kommt Uwe Seelers Hinterkopf ins Spiel. „Uwes Tor für Maggie Thatcher“ (Christian Eichler).

Leon de los Aldama, Mexiko, Stadion Nou Camp, am 14. Juni 1970. Im WM-Viertelfinale trifft Deutschland auf England um 12 Uhr mittags Ortszeit (High Noon). Auf dem Rasen hat es 50 Grad. Heute will Deutschland die Revanche für Wembley 1966! Uwe Seeler unterhält sich im Kabinengang mit dem englischen Spielmacher Bobby Charlton in gepflegtem Oxford-English: Bobby, no Chance, today is our Wembley!

Beiden grauste es angesichts der Hitze auf 1.804 Höhenmetern vor der senkrecht stehenden Sonne. Ihre Glatzen würden bald besonderen Herausforderungen ausgesetzt sein. Jeder anständig ausgebildete Hautarzt hätte ihnen Spielverbot erteilt oder sie verpflichtet, zumindest eine Kopfbedeckung welcher Art auch immer zu tragen. Das wäre in England und Deutschland um 20 Uhr abends allerdings als befremdlich wahrgenommen worden. Beide spielten blank! Und das sollte Auswirkungen haben.

England führte bis zu 68. Minute mit 2:0 und war siegessicher. Trainer Alf Ramsey wechselte Bobby Charlton aus für Colin Bell. Bobby hatte einen puterroten Kopf und einen Sonnenbrand auf der Zunge. Er war fix und fertig. Uwe hingegen ackerte weiter, obwohl auch seine Glatze leuchtete wie ein Sonnenuntergang in gleißendem Rot. Und dann macht er nach dem Anschlusstreffer von Beckenbauer zum 2:1 das ersehnte 2:2. England wankte. Manchmal sind Spielzüge schöner als das anschließende Tor selbst. Zur Entstehungsgeschichte des 2:2. Verteidiger Karl-Heinz Schnellinger vom AC Mailand, beileibe kein Flankengott, bringt den Ball von der linken Angriffsseite in den englischen Strafraum. Keine Flanke für Genießer und Vollstrecker. Aber jetzt kommt Uwes Sternstunde. Er setzt das Naturgesetz der menschlichen Sprungkraft außer Kraft. „Uns Uwe“ schiebt seinen glatzköpfigen, hanseatisch harten, sonnenverbrannten Schädel von hinten unter das Flugobjekt, das jäh seine Richtung ändert und über den verdutzten englischen Torwart Bonetti hinweg segelt und ins Tor fällt. „Der Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung ändern kann“, bemerkte einst der französische Maler Francis Picabia. An Fußball dachte er nicht. Uwe schreibt: „Schemenhaft erkenne ich, wie Peter Bonetti im kurzen Eck seines Kastens verharrt. Ich springe dem anfliegenden Ball entgegen.

Leon, 14. Juni 1970

Er landet dort, wo ich wenig Haare habe. Auf meinem Hinterkopf. Ich lasse mich leicht ins Kreuz fallen und schiebe den Kopf unter den Ball, schnelle hoch. Und das Wunderbare passiert. Der Ball landet dort, wo er hingehört. Ins obere linke Toreck“. Werner Schneider vom ZDF kommentierte den Treffer in aller Ruhe „Seeler! Jawoll, jawoll!“ Heutige TV-Kommentatoren hätten „Tooooooor“ geschrien, als würden sie ein Kind gebären. In der Verlängerung erzielte Gerd Müller das 3:2, und Deutschland stand im Halbfinale gegen Italien (3:4 n.V.).

1998 kam in England ein Buch auf den Markt mit dem Titel „Was-wäre-wenn?“ Darin wird spekuliert, ob England ohne dieses absurde Seeler-Hinterkopf-Tor möglicherweise 1970 Weltmeister geworden wäre. Den Premierminister Edward Heath hätten die englischen Untertanen dann nicht abgewählt. Margaret Hilda Thatcher wäre nur eine Randfigur als Ministerin für Bildung geblieben, die in dieser Funktion die Gratismilch an Grundschulen abschaffte und ihr den Ruf als Milchdiebin (Milk Snatcher) einbrachte. Man kann das Szenario noch weiterspinnen. Es wäre 1982 nicht zum Falklandkrieg Englands gegen Argentinien gekommen und die Gauchos aus der Pampa hätten ihre Revanchegelüste gegenüber den Engländern nicht mit der Hand Gottes (Maradona) bei der WM 1986 befriedigen müssen und so weiter.

Queen Elizabeth, Helmut Haller und der WM Ball von 1966

Ein weiteres Epos in Seelers Karriere war das verlorene WM-Finale 1966 im Wembley-Stadion gegen England (2:4 n.V.). Der Umgang der deutschen Mannschaft mit der Niederlage 21 Jahre nach Kriegsende war für die Engländer bemerkenswert. Kein Gejammer, man akzeptierte die umstrittenen Schiedsrichter-Entscheidungen, statt gleich wieder irgendetwas zu bombardieren. Uwe Seeler lachte, als die Queen ihn nicht umarmte, sondern eine Medaille überreichte. Einzig Mitspieler Helmut Haller verging sich vor der Queen stehend am Endspielball. Er nahm ihn einfach unterm Arm mit nach Hause und rückte ihn erst zur EM 1996 wieder raus.

Zum Wembley-Mythos gehört Uwe Seelers Gang in die Kabine nach dem WM-Finale 1966, eskortiert von einem unbewaffneten Bobby, der ihm noch einen tröstenden Klaps gibt und begleitet von einer Militärkapelle.

Uwe Seeler nach dem verlorenen WM-Fnale 1966 gegen England (2:4 n.V)

Das Bild wurde im Jahre 2000 zum deutschen Sportfoto des Jahrhunderts gewählt. Der Fotograf Sven Simon (Sohn des großen deutschen Verlegers Axel Springer) gab dem Foto die Bildunterschrift: „Vom Kampf gezeichnet, vom Gegner geschlagen, an einem Irrtum zerbrochen“. Jahrzehntelang mutmaßte die Sportpresse, das Bild sei auf dem Weg in die Halbzeitpause entstanden. Selbst Uwe vermutete das. Sven Simon war schon 1980 verstorben und konnte zur Klärung nichts mehr beitragen.

Der Direktor des Deutschen Fußball-Museums in Dortmund, Manuel Neukirchner, entdeckte2016 im Archiv von Sven Simon die Kontaktabzüge des Endspielfotos. Und siehe da. Uwe richtet sich aus seiner gebückten Haltung wieder auf, als hätte er nur einen flüchtigen Moment verweilt und innegehalten. In diesem Bild vereint sich Seelers Erschöpfung nach kräftezehrenden 120 Minuten, die Enttäuschung über das verlorene Finale, und „ewig fällt das Wembley-Tor“ zum 3:2 für England. Tofiq Bachramow, du nutzloser Linienrichter aus Baku, zumindest aus deutscher Sicht.

Ein weiteres Spiel verleiht Uwe Seeler wirklichen Heldenstatus, also nicht den aus der heutigen Zeit, der jedem verliehen wird, der vielleicht eine Katze vom Balkon rettet. Tatort: Das Rasunda Stadion in Stockholm am 26. September 1965. Deutschland muss gegen Schweden gewinnen, um sich für die WM in England zu qualifizieren. Uwe spielte sieben Monate nach seinem Achillessehnenriss bei einem Spiel gegen Eintracht Frankfurt erstmals wieder. Trainer Helmut Schön traf zwei gewagte Entscheidungen bei der Mannschaftsaufstellung: Uwe spielt und Franz Beckenbauer, gerade 20 Jahre alt, debütiert. „Diese klare Ansage im Vorfeld des Spiels war unheimlich mutig von ihm. Ich hätte nicht in seiner Haut stecken wollen, wenn das in Schweden schiefgegangen wäre, mit dem angeblich nicht wieder richtig fitten Uwe und dem blutjungen Franz.“ (Uwe Seeler)

Es ging gut. In der 54. Minute tauchte Uwe nach einem harten Schuss von Peter Grosser (1860 München) von halbrechts flach in den Strafraum plötzlich wie aus dem Nichts auf und grätschte und drückte mit seinem linken Fuß (der ohne Achilles-Sehnenriss) den Ball in das schwedische Gehäuse zur 2:1 Führung. Es blieb dabei. Dieser Sieg war so wichtig für den deutschen internationalen Fußball mit dem anschließenden WM-Finale 1966 gegen England, der WM 1970 mit den großartigen Auftritten im Viertelfinale gegen England und dem Halbfinale gegen Italien, dem EM-Sieg 1972 und dem WM-Titel 1974.

Ein Wunsch oder ist es vielleicht Olli Dittrichs Traum: Das Volkspark Stadion in Hamburg heißt künftig „Uwe-Seeler-Stadion“ an der Uwe-Seeler-Straße 9. Er hätte es verdient, „uns Uwe“.

Foto: Günter Ellenberg

Grabstätte Uwe Seeler: Friedhof Hamburg, Ohlsdorf

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