Max Merkel

Der Obertrommler

Biografie
Geboren am 7.12.1918 in Wien
Gestorben am 28.11.2006 In Putzbrunn bei München
Grabstätte: Gemeindefriedhof  Hohenbrunn bei München
Jäger von Fall Straße 29
Feld L; Reihe 07; Grab 2
Stationen der Karriere als Fußballer
Position: Verteidiger
Vereine: SC Staatsfabrik Wien (1930-1932)
Rapid Wien (1932-1937)
Wiener SC (1937-1942) 
LSV Markersdorf  (1942-1945)
Wiener SC (1945- 1946)
Rapid Wien (1946-1954)
1 Länderspiel für Deutschland (1939)
1 Länderspiel für Österreich (1952)
Österreichischer Meister 1948; 1951; 1952; 1954
Stationen der Karriere als Trainer
HBS Crayenhout  (1954-3/1955)
Nationalmannschaft Niederlande (4/1955-1956)
Rapid Wien (1956-1958)
Borussia Dortmund (1958-1961)
TSV 1860 München (1961-12/1966)
1.FC Nürnberg (1/1967-3/1969)
FC Sevilla (1969-1971)
Atletico Madrid (1971-1973)
TSV 1860 München (1974-1975)
Schalke 04 (1975-3/1976)
FC Augsburg (11/1976-1977)
Sportdirektor Österreich (ÖFB) (1977-1978)
Karlsruher SC (11/1981-1982)
FC Zürich (4/1983-5/1983)
Österreichischer Meister 1957 mit Rapid Wien
Deutscher Meister 1966 mit TSV 1860 München
Deutscher Meister 1968 mit 1.FC Nürnberg
Spanischer Meister 1973 mit Atletico Madrid
Spanischer Pokalsieger  1972 mit Atletico  Madrid

Als  Trainer ließ Max Merkel  einmal seine Spieler – die Mannschaft ist nicht so wichtig – den Kopf von links nach rechts und umgekehrt schütteln. Als ein Kopfschüttler ihn nach dem Zweck der Übung  fragte,  antwortete der Zirkusdirektor: „Damit ihr wisst, was ihr antworten müsst, wenn man euch fragt, ob ihr Fußballspielen könnt.“

Ein Porträt von Max Merkel verlangt nach der Wiedergabe seiner großartigen Aphorismen im Duktus des Wiener Schmäh. Der Duden leitet das Wort Schmäh vom mittelhochdeutschen „Smaehe“ ab, was „Beschimpfung“ oder „verächtliche Behandlung“ bedeutete. In der österreichischen Umgangssprache bedeutet Schmäh heutzutage jedoch  eher „Sprüche und Scherze“. Derb und liebenswert, die Grenzen zwischen Ernst und Witz sind fließend. Die Tonalität des Wiener Dialektes macht den Unterschied aus zu sächsischem, hessischem oder schwäbischem Sprachgesang.  Man hört gerne zu, der Wiener Dialekt ist der Ausdruck einer gewissen Leichtigkeit des Seins, aber auch der Melancholie.  Und Max Merkel spielte kunstvoll die Klaviatur des „Wiener Schmäh“. Für ihn war der Fußball wie das ganze Leben ein unterhaltsamer Formationstanz charakterlicher Defizite. Überall nur Alkoholiker, Heißsporne, Weiberhelden und „her mit der „Marie“. Er hatte dieses schöne „Wienerische“ wie auch Ernst Happel, einst kongenialer Mitspieler bei Rapid Wien. Aber Happel war fußballerisch ein künstlerischer Abwehrstratege, Merkel hingegen ein vierschrötiger Knochenschrubber.

Beide, Happel und Merkel,  repräsentierten später als Trainer  die Wiener Lebensfreude, den „Heurigen“ in  Grinzing oder den Naschmarkt. Dazu eine Zigarette oder eine  Zigarre,  eine helle Melange mit Schlagobers im Kaffeehaus oder eine gute Spielkarte im Kasino. Aber ihr Stil als Fußballtrainer nach dem Ende ihrer Karriere 1954 war völlig gegensätzlich, so wie der als Abwehrspieler bei Rapid Wien damals.  In einem Interview mit dem „Spiegel“  1982 brachte es Max Merkel auf den Punkt, als er zu  Happel befragt wurde, der damals Trainer des Hamburger SV war und im nächsten Jahr den Europapokal der Landesmeister erneut nach 1970 (damals mit Feyenoord Rotterdam)  gewinnen sollte. „Den Wert eines Fußballtrainers bestimmen am allerwenigsten die Zensuren auf der Sporthochschule. Der Happel Ernst aus Wien hat nie eine Sporthochschule besucht, denn er besitzt, was den meisten fehlt: Fußballhirn. Bei ihm funktioniert die Intuition besser als die Definition. Mit diesem Fußballhirn lässt sich nirgendwo ein Doktorhut erwerben. Alle Abermillionen Zellen müssen irgendwo auf Fußball und aufs  Spiel eingestellt sein. Denn beim Pokern oder Roulette siegt der Happel auch wie in Trance. Wenn seine Mannschaft trainiert, neue Spielzüge einübt, dann guckt der Ernst  scheinbar gelangweilt in den Büschen ringsum nach, ob verirrte Bälle herumliegen. Schlaue Spieler denken, jetzt hat er meinen Fehler nicht gesehen. Aber er hat. Happel ist wie der Argentinier Menotti ein Kettenraucher, der dich mit einem Glimmstängel  im Mundwinkel auffordert, die Gefahren des Tabakgenusses zu meiden“.

Das war eine Lobpreisung durch einen sehr selbstbewussten Trainer, der erkannt hatte: Da ist jemand, der hat noch großartigere Fähigkeiten als ich selbst. Aber Max Merkel war kein Antonio Salieri, einst Hofkomponist und Dirigent am Wiener Kaiser-Hof. Salieri erkannte die musikalische Genialität seines Rivalen Wolfgang Amadeus Mozart  und seine eigene Mittelmäßigkeit und wurde zum Neider und Gegenspieler des jungen Genius. Merkel  hingegen anerkannte Happels Genie als Trainer, obwohl er seinen leicht verlebt aussehenden Kollegen einst ein wenig unvorteilhaft beschrieb und charakterisierte: „Happel wirkt wie Beethoven in der Endphase“. Sein Freund Ernst war kurzfristig beleidigt.

Ernst Happel (siehe auch Porträt)  und Max Merkel hinterließen große Spuren im westeuropäischen Fußball. Im Nachhinein betrachtet war Merkel mit seiner Maxime „Zuckerbrot und Peitsche“ auch ein sehr erfolgreicher Trainer. Meister mit Rapid Wien, 1860 München, dem 1. FC Nürnberg und Atletico Madrid. So viele Titel  können nur wenige Trainer vorweisen.  Seine Führungsprinzipien animieren zu einem fiktiven Dialog zwischen ihm und seiner Namenscousine, Angela Merkel,  während eines Abendessens in Wien.

Die deutsche Bundeskanzlerin besuchte  Anfang 2006 ihren österreichischen  Kollegen  Wolfgang Schüssel  in Wien. Die Protokollabteilung des Kanzleramtes verzichtete auf ein großes  Bankett in der Hofburg und  verlegte auf Wunsch der Kanzlerin das festliche Abendessen -in kleinerem Rahmen-  in das gemütliche  Restaurant „Plachutta“ in der Wollzeile 38, da wo der berühmteste Tafelspitz zu Hause ist und dem Kaiser Franz Joseph I  in der k. und k. Monarchie zu höchster Popularität verhalf.  Tafelspitz  war sein Lieblingsgericht.  Garniert mit Cremespinat, Semmelkren, Schnittlauchsauce und Erdapfelschmarren. Als Tischnachbarn für Angela Merkel  platzierte die Protokollabteilung ihren Namensvetter Max  Merkel zur Rechten. Gegenüber saß der österreichische Bundeskanzler, ein erklärter Freund des Fußballs. Nachdem sich Kanzlerin und Kanzler  über Klimawandel, die Schönheiten Südtirols  und die bevorstehende Fußball-WM in Deutschland  ausgetauscht hatten wandte sich Angela Merkel ihrem rechten Nachbarn zu und entdeckte die Namensgleichheit. Es entspann sich ein aufschlussreicher Dialog  über Führungsfragen zwischen der Tochter eines norddeutschen evangelischen Pfarrers aus Hamburg  und dem Sohn eines österreichischen katholischen Offiziers aus Wien über Führungsfragen.

A.M: „Herr Merkel, was machen Sie denn so“?  M.M.: „Ich trainiere Fußball-Mannschaften“. A.M.: „Das ist ja interessant. Übrigens: Ich bin die Angela“. M.M.: „Freut mich sehr.  I‘ bin der Max“. Sie prosteten sich zu, Angela mit einem Vöslauer Mineralwasser, Max mit einem Ottakringer Goldfasslbier.  A.M.: „Ein wenig kenne ich mich mit Fußball aus. Ich war schon mehrmals in der Kabine der deutschen National-Mannschaft“. M.M. „Aha. Waren die Spieler nackert“? A.M. leicht errötend:  „Nein, zumindest nicht ganz. Aber es ist wirklich schön, diesen deutschen Körpern beim Spiel zuzusehen. Wie motivierst du  denn deine Spieler zu Höchstleistungen“? M.M.: „Aus meiner Praxis hob‘ i‘ oans g‘lernt: Im Fußball gibt’s ka Demokratie. Einer muss das letzte Wort und die ganze Verantwortung haben. Diese Truppe von lauffaulen Multi-Millionären braucht einen Trainer, der ihnen jeden Tag in den Allerwertesten tritt und nicht zärtlich über ihr mit Drei-Wetter-Taft geföhntes Haar streicht. Spieler vertragen kein Lob. Sie müssen täglich die Peitsche im Nacken spüren“. A.M. „ Aber Max? Geht das nicht auch mit Zuckerbrot? M.M.: „Ja bist du deppert, Angela. Das Intelligenteste an den Spielern sind die Weisheitszähne. Wie motivierst du denn dein Kabinett? Nicht  so?“  A.M.: „Ach Max, wenn das so einfach wäre. Ich bin ein wandelnder Vermittlungsausschuss. Ich muss Koalitionen aus unterschiedlichen Parteien bilden und habe es auch mit Egozentrikern am Kabinettstisch zu tun. Du kannst deine schlechten Spieler auf die Tribüne setzen, auswechseln  oder verkaufen. Ich habe es viel schwerer, Minister oder  Staatssekretäre zu entlassen. Ich habe keine Tribüne. Wenn ich sie auswechseln will habe ich mediales Riesentheater und  die Koalition zerbricht. Dann kommen  Neuwahlen! Die mag ich nicht so sehr“.  Max Merkel  war mittlerweile auf Blauen Zweigelt (Barrique) aus Petronell Carnuntum im  Burgenland umgestiegen. Edler Tropfen. Angela Merkel genoss das Gespräch auch zusehends und bestellte leicht euphorisiert  ein Vierter’l  Grünen Veltliner aus der Wachau. Lage egal. Hauptsache mit ein wenig Alkoholgehalt.  Kollege Wolfgang Schüssel verkam zur Nebensache. Angela  fühlte sich so wohl und glücklich wie bei den  Premieren  der Bayreuther Festspiele. Sie bekam einen Lachanfall,  als Max Merkel einen ihrer Lieblingsspieler versenkte:  „Mario Basler ist die teuerste Parkuhr der Welt. Er steht herum und die Bayern stopfen das Geld rein“. „Ach wie schön“ dachte sie. Der Typ könnte mir gefallen. Aber sie verwarf sofort diesen Gedanken. Staatsräson. Österreicher! Es ist nicht genau  überliefert, wie der weitere Verlauf des gemeinsamen Abends von Angela und Max Merkel im „Plachutta“ war. Eines ist sicher. Beide  genossen den Abend jenseits des Protokolls und werden später über die Unterschiedlichkeit von Führungsstilen nachgedacht haben.

Nach Merkels Anfangsjahren als Trainer und dem Gewinn des Meistertitels mit Rapid Wien 1957 in Österreich erhielt er  ein Angebot von Borussia Dortmund, kurz vor Saisonbeginn 1957/58. Die „Schwarz-Gelben“  waren  zweimal nacheinander  Meister geworden, 1956 und 1957, mit den gleichen Spielern, die aber inzwischen ein Durchschnittsalter von 33 Jahren hatten. Merkel war klar, dass seine Perspektive als Trainer für einen künftigen Erfolg nicht in der Führung eines Altersheims lag. Es würde Schwierigkeiten mit den in die Jahre gekommenen Stars geben, wenn er die Mannschaft verjüngen und auf seine Weise Fußball spielen ließe. „Ich habe damals die Feststellung gemacht, dass es im Westen Deutschlands leichter ist, eine Mannschaft neu aufzubauen als anderswo. Im schwarzen Revier, zwischen den Kohlehalden und Fabriken wachsen harte Menschen heran“. Er ging auf Talentsuche in die Region, wo man den Ball noch von einem Fußballplatz auf den anderen schießen konnte. Gegen viele Widerstände im Verein, bei den Fans und in den Medien baute er eine neue Mannschaft von „jungen Hunden“ auf. Die rannten um ihr Leben und kämpften, getreu seiner  Maxime, die später Vince Lombardi in der NFL für die Green Bay Packers übernahm und damit die beiden ersten Super Bowls 1966 und 1967 gewann. Ein Spieler der Packers brachte es auf den Punkt: „Vince behandelte uns alle gleich, wie Hunde. Und wenn er gesagt hat „Setzen!“ dann haben wir erst gar nicht nach hinten geschaut, ob dort ein Stuhl steht“. Die neuen Himmelsstürmer bei Borussia Dortmund waren nun Timo Konietzka, Jürgen Schütz, Aki Schmidt und  Hoppy Kurrat,  neben den Routiniers Heinz Kwiatkowski und Freddy Kelbassa. Merkel führte das neue Team schon 1961  ins Finale  um die deutsche Meisterschaft gegen den 1. FC Nürnberg. Die Borussia war klarer Favorit, verlor aber überraschend mit 0:3.  Max Merkel trat nach dem begeisterten Empfang der Mannschaft am Borsigplatz in Dortmund zurück. Er war der internen Kämpfe mit Präsidium und dem Ältesten- und Wirtschaftsbeirat in den vergangenen drei Jahren überdrüssig. Sein Kurs des Mannschaftsumbaus und der verbalen Attacken auf „wohlverdiente Meinungsmacher“ hatte ihm nur wenige Freunde innerhalb des Vereins verschafft.  

Das wollte er sich nicht weiter antun. Merkel wechselte zu 1860 München, „ von den Dortmunder Symphonikern zur Münchner Schrammelkapelle“. Mit dieser Verlautbarung  machte er sich in München gleich die ersten Freunde im neuen Verein.  Angesichts der für ihn unbefriedigenden Situation in Dortmund hatte er bereits  während der laufenden Saison Kontakte nach München geknüpft.

Merkel: „Ich wusste natürlich, dass ich auch hier wieder gezwungen sein würde, das Messer zu nehmen“. In einem Pressegespräch – organisiert vom Bayerischen Rundfunk – mit den führenden Sportjournalisten der fünf Münchner Tageszeitungen sprach er Klartext : “Schaun‘s, meine Herren, München ist eine wunderschöne Stadt und hat eine Million Einwohner, aber in puncto Fußball ist es doch noch immer Provinz. Um es drastisch zu sagen, hier muss man doch erst einmal mit der Machete einen Pfad durch den Fußball-Urwald schlagen“. Dann ging er an die Arbeit und begab sich in den Dschungel auf Giesings Höhen. Er verabschiedete zehn Spieler. Löwen-Boss Adalbert Wetzel hatte ihm einen klaren Auftrag gegeben. Den Gewinn der Meisterschaft 1962/63 der Oberliga Süd. Denn die Einführung der Fußball-Bundesliga zur Saison 1963/64  stand bevor und es war klar, dass nicht beide Münchner Vereine (1860 und FC Bayern) aufgenommen werden würden. Ungeachtet weiterer Qualifikationskriterien wusste Adalbert Wetzel, dass der Gewinn dieser Meisterschaft eine entscheidende Rolle bei der Entscheidung des DFB spielen würde, welcher Münchner Verein neben den gesetzten Clubs Eintracht Frankfurt, VfB Stuttgart, 1. FC Nürnberg und Karlsruher SC aus der Oberliga Süd Gründungsmitglied werden würde.

Max Merkel schaffte die Meisterschaft 1962/1963 in der Oberliga Süd. Der Dompteur hatte innerhalb von zwölf Monaten ein junges Löwenrudel gezähmt, das in den nächsten Jahren in der Savanne des deutschen Fußballs sehr erfolgreich auf Jagd gehen würde. Vor allem deshalb, weil der FC Bayern nicht in die neue Bundesliga aufgenommen wurde, sondern erst in der Saison 1965/66 nachrückte. Dann aber mit Donnerhall und nachhaltig.  Das junge  Löwenrudel der Meistermannschaft von 1963 brauchte aber für nationale Ambitionen noch einen  Anführer. Den fand Max Merkel beim Lokalrivalen FC Bayern. „Auf einen Mann war ich besonders scharf, auf Peter Grosser.  Ein Könner, der es wunderbar verstand, den Ball kurz am Fuß zu führen und mehrere Gegner hintereinander aussteigen zu lassen. Er wirkte zwar etwas langsam, wurde aber mit dem Ball immer schneller und hatte vor allen Dingen den richtigen Blick für die Kombination“.

Merkels Führungsstil und sein Gefühl für die richtige Mischung aus Spielern leiteten die erfolgreichste Periode des Münchner Clubs aus dem Arbeiterviertel Giesing ein.  Deutscher Pokalsieger 1964, Europapokalfinalist 1965 in Wembley gegen West Ham United, Deutscher Meister 1966. In der Saison nach dem Gewinn der Meisterschaft verschlechterte sich das Klima zwischen Merkel und Mannschaft aber dramatisch. Merkel spürte, dass er dieses erfolgreiche Löwenrudel mit seinen Anführern verändern und mit neuen Jung- Löwen den Umbau des Teams angehen musste. Das mögen manche Löwen nicht, vor allem wenn sie um ihre Position im Rudel fürchten. Im Dezember 1966 kam es zum Putsch der Spieler, die sich mit Mehrheit gegen Merkel als weiteren Trainer aussprachen. Nach einigem Gerangel ließ auch Präsident Adalbert Wetzel den Erfolgscoach fallen. Der  wurde  nach seinen eigenen Aussagen „Deutschlands teuerster Rentier“. Aber nur für ein paar Tage. Im Besitze einer guten Abfindung als  Weihnachtsgeschenk meldete sich zu Weihnachten 1966 dann auch noch ein Weihnachtsmann vom 1. FC Nürnberg und fragte Merkel, ob er nicht zum Club kommen wolle, damals mit acht Meistertiteln der erfolgreichste deutsche Fußballverein, auch wenn sechs davon vor dem Zweiten Weltkrieg gewonnen worden waren.

Kapitän Peter Grosser präsentiert die Meisterschale 1966
Quelle Foto: tsv1860.de
Der TSV 1860 München wird am 28. Mai 1966 Deutscher Fußball-Meister
Quelle Foto: tsv1860.de

Nürnberg hatte Abstiegssorgen. Merkel übernahm im Januar 1967 das Kommando am „Zabo“. Er schaffte mit einer, wen wundert es,  überalterten Mannschaft den Klassenerhalt und vermasselte 1860 München die mögliche Meisterschaft 1966/1967am 32. Spieltag durch einen 2:1 Sieg der Nürnberger im Grünwalder Stadion. Merkel schreibt: “Als wir in München ins Stadion kamen, spürte man förmlich das schlechte Gewissen im gegnerischen Lager. Die Löwenspieler schauten fast alle weg, als sie mir im Kabinengang begegneten, die Funktionäre ebenfalls“.   

Für die Bundesligasaison 1967/68 hatte  Merkel die Mannschaft des 1.FC Nürnberg stark verändert und verjüngt. Sein  neues Team, das am 27.1.1968 in der ersten Hauptrunde des DFB Pokals gegen Bayer Leverkusen antrat (2:0) ging sogar  in die deutsche Literatur ein.  In Peter Handkes Gedicht „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968“ leben die Spieler  fort. Insofern ist dieses Gedicht ein Epitaph. Handke bewundert darin das längst untergegangene WM- Spielsystem. Vor dem Torhüter Wabra stehen in streng umgekehrter Pyramide  zwei Verteidiger (Leupold, L. Müller), die im Strafraum für Ordnung sorgen, davor drei Mittelfeldspieler (Blankenburg, Wenauer, Popp) mit halb defensiven und offensiven Aufgaben. Oben  garantieren fünf Stürmer (Starek, Strehl, Brungs, H. Müller, Volkert) ungeheuren Druck auf das gegnerische Tor. Welche Mannschaft war jemals Impuls für einen späteren Nobelpreisträger, ihr ein Gedicht zu widmen. Aber Handke musste erkennen, dass der Fußball  von Lyrikern geliebt wird,  aber die Lyrik stößt bei Fußballfans nicht immer auf entsprechende Gegenliebe.  „Handke – Du weißt ja nicht mal die Aufstellung vom 27.1.1968“ war beim Spiel der  Nürnberger  gegen Dynamo Dresden am 20.12.2019 auf einem Fan-Banner zu lesen. Am Tag zuvor war Handke der Nobelpreis für Literatur verliehen worden. Hatte Handke doch einen Fehler bei der Mannschaftsaufstellung (siehe oben) gemacht. Hinten links spielte an jenem Tag nicht Horst Leupold, sondern Helmut Hilpert.

Am 25. Mai 1968 gewann der Dompteur Max Merkel, der den Club in der Saison vorher noch vor dem Abstieg gerettet hatte, die neunte und bis heute letzte deutsche Meisterschaft der „Clubberer“.

Der 1. FC Nürnberg wird am 18. Mai 1968 Deutscher Fußball-Meister
Quelle Foto: fcn.de

Aber im Dezember 1968, nur fünf Monate nach dem Gewinn der Meisterschaft, stand Nürnberg auf dem letzten Tabellenplatz. Es stimmte nicht mehr zwischen Trainer und Mannschaft. Als der Club im März 1969 immer noch Letzter war, trat Max Merkel zurück. Sein Nachfolger und ehemaliger Mitspieler bei Rapid Wien, Robert Körner und später das Club-Idol Max Morlock konnten diesen spektakulären Absturz nicht mehr aufhalten. Am 7. Juni 1969 war der Abstieg des amtierenden Deutschen Meisters besiegelt. Der Schleifer hatte eine Mannschaft wieder kurzfristig zum Erfolg getrieben, dann war sie ausgelaugt oder seiner leid. Ein Grundmuster seiner Trainertätigkeit.

Der Torero von Sevilla 1969
Quelle Foto: Sport1 de

Das störte aber den FC Sevilla nicht, der Merkel  ab Juni 1969 verpflichtete. Der Dompteur wurde nun zum Torero und machte sich einen Namen in diesem fußballverrückten Land. 1971 verpflichtete ihn Atletico Madrid. Er führte den Club nach altem Strickmuster (schöpferische Zerstörung)  zwischen 1971 und 1973 zu zwei Gewinnen der Copa del Rey und zur spanischen Meisterschaft 1973. Am Tag nach dem Titelgewinn wurde er entlassen. Im nationalistischen Eifer! Es herrschte noch der Diktator Franco.  Der Vorstand von Atletico hatte erfahren, dass Merkel in der deutschen Bild-Zeitung gelästert haben soll, Spanien sei eigentlich ganz schön, wenn es dort nur nicht so viele Spanier gäbe. Diese Meister-Mannschaft von Max Merkel stand übrigens ein Jahr später im Finale des Europapokals der Landesmeister am 15. Mai 1974 im Brüsseler Heysel-Stadion gegen den FC Bayern München. Wenn „Katsche“ Schwarzenbeck nicht in der letzten Minute der Verlängerung mit seinem Verzweiflungsschuss den 1:1 Ausgleich erzielt hätte, wäre Max Merkels Team Europapokalsieger der Landesmeister geworden.  Im Wiederholungsspiel zwei Tage später gewann der FC Bayern dann mit 4:0 und sein  Stern ging auf am europäischen Fußball-Firmament als „Stern des Südens“.

Der Stern Merkels hingegen begann zu sinken. Nach dem spanischen -sehr erfolgreichen- Abenteuer tingelte Merkel wieder durch die Bundesliga, aber es ging unverkennbar bergab. Seine Trainingsmethoden, sein Zynismus und Sarkasmus kamen bei den von der 68er Bewegung geprägten Spielern nicht mehr so an, dass er noch mal Meisterschaften gewinnen konnte. Ein ungewolltes Verdienst Merkels aber war, dass er die erste Spielerrevolte der Bundesliga auslöste (der Putsch der Spieler bei 1860  Jahre war noch harmlos) und damit auch ungewollt die Balance der Bundesliga-Clubs für Jahrzehnte nachhaltig veränderte. Im März 1979 dohten die Spieler des FC Bayern mit ihren Sprachrohren  Paul Breitner und Sepp Maier mit Dienstverweigerung. Präsident und Bauunternehmer Neudecker hatte Merkel ohne jede Rücksprache mit der Mannschaft als Trainer verpflichtet. Die Bayern spielten keine gute Saison und nach der Entlassung von Trainer Gyula Lorant im Dezember 1978 stand der Verein auf dem 7. Platz. Interimstrainer war der Assistent Lorants, auch ein Ungar: Pal Csernai. Die Sprachrohre wollten ihn weiterhin als Trainer, nicht den „Zuchtmeister“.

Neudecker  titulierte Maier  gleich als „Anarchisten“ und trat zurück. Uli Hoeneß, der zu Beginn der Saison 1978/79 noch für die Bayern auf dem Platz gestanden hatte, wurde neuer Manager und Csernai blieb Trainer.  Merkel war ausgebootet. „Dem war das wurscht“, erzählte Sepp Maier später  grinsend. „Er hat zwei Jahre Gehalt vom FC Bayern bekommen, obwohl er nicht ein einziges  Mal auf dem Trainingsplatz gestanden hat“. Mit der Revolte begann  eine neuen Ära im deutschen Profifußball, der  Weg des FC Bayern vom Gutsherrenclub zum besten Fußballverein Deutschlands.

Nach seiner fußballerischen  Karriere als Spieler und Meistertrainer gelang  Merkel eine zweite als Kolumnist der Bildzeitung und einem feinem  Gefühl für die Paradoxien der deutschen Sprache.  Mit Biss, Witz, Ironie, nicht selten polemisch, zynisch, sarkastisch und manchmal  verletzend.

„Wenn der Kaiser spricht, legen selbst die Engel ihre Harfen zur Seite“ (Franz Beckenbauer).

„Der Bengel  ist so empfindlich, der holt sich sogar einen Schnupfen, wenn er zu nah an der Drehtür steht“ (Andreas Möller)

„Früher hatte er Mühe, Omelett von Hamlet zu unterscheiden“ (Otto Rehhagel)

„Außer Scherbenlaufenlassen kann  der gar nix. Der tut immer so, als ob er den Fußball erfunden hätte. Wenn der plaudert, glaubst, dass der den flachen Pass neu definieren will“. (Christoph  Daum)

 „Der Berthold ist mit dem Mundwerk größer als Pele, Beckenbauer und Cruyff zusammen. Mit den Füßen eher Vertreter für Birkenstock-Sandalen“. (Thomas Berthold)

„Der Maradona kann aus einer Entfernung von 50 Metern mit dem Ball eine Telefon-Nummer wählen“. (Diego Armando Maradona)

„ Wenn du den langen Koller neben dem schmächtigen Rosicky siehst, denkt du, da führt einer seinen Yorkshire- Terrier Gassi“ (Jan Koller und Thomas Rosicky)

„Koncilia sollte von der Innsbrucker Universität ausgestellt werden. Einen Menschen mit so wenig Hirn gibt’s ja net“: (Friedl Koncilia)

„Der Österreicher glaubt mit 18, er sei Pele. Mit 20 glaubt er, er sei Beckenbauer. Und mit 24 merkt er, dass er Österreicher ist“. (Österreichische Fußballer allgemein)

„Die Funktionäre wissen nicht einmal, dass im Ball a Luft ist. Die glauben doch, der springt, weil ein Frosch drin ist“. (Deutsche und österreichische Funktionäre allgemein)

„Jede Straßenbahn hat mehr Anhänger als Bayer Uerdingen“

„Lieber 10 Minuten Maradona beim Autowaschen zuschauen als 90 Minuten Hansi Pflügler auf dem Fußballplatz“ (Hansi Pflügler)

„Udo Lattek haben sie das Blut abgenommen. Ergebnis: Reiner Alkohol, verschmutzt durch rote Blutkörperchen“ (Udo Lattek)

„Zettel-Ewald schreibt auf der Bank mehr als Johannes Mario Simmel in seinem ganzen Leben“ (Ewald Lienen)

„Mir is lieber, es sitzt aaner öfters beim Heurigen und is a guter Kicker, als er is a Milchtrinker und spielt an Topf’n z’samm“ (Fußballer allgemein)

 „Nach Ried fahren wir nur zum Milchholen“. (Auswärtsspiel mit Rapid Wien in Ried im Waldviertel).

Irgendwann wurde das „Lästermaul „ müde. In einem Reihenhaus in Putzbrunn vor den Toren Münchens verbrachte er seinen Lebensabend, mit klassischer Musik und gutem österreichischen Wein. Am 28. November 2006 verabschiedete sich  Max Merkel in den Fußballhimmel zu seinem Freund Ernst Happel. Vielleicht schauen beide zu, wie sich der professionelle Fußball verändert  und kommentieren das  launisch. Dazu  genehmigen sie sich gelegentlich ein Vierter‘l vom Heurigen, dem Urmeter der Lebensfreude in Wien.

Grabstätte von Max Merkel:
Gemeindefriedhof Hohenbrunn bei München.
Jäger von Fall-Straße 29; Feld L; Reihe 07; Grab 2

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