Gyula Grosics

„Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen“

Biografie
Geboren am: 4.2.1926 in Dorog
Gestorben am: 13.6.2014 in Budapest
Grabstätte: Budapest, St. Stephans-Basilika
Szent Istvan ter, Krypta
Stationen der Karriere als Fußballer
Position :Torwart
Vereine: Dorogy Banyasz (1940-1947)
Mateosz Budapest (1947-1949)
Teherfuvar (1949-1950)
Honved SE Budapest (1950-1957)
Tatabanya Banyasz SC (1957 – 1962)
86 Länderspiele
WM-Teilnehmer 1954, 1958, 1962

Um 16.53 Uhr begann nach Horst Eckels Erinnerungen das WM-Finale am 4. Juli 1954 im Berner Wankdorf-Stadion. Gyula Grosics, der ungarische Torhüter, hatte später eine andere Wahrnehmung der zeitlichen Abläufe des Spiels.   Die von Cinzano gesponserte Uhr des Stadions zeigte 18.33 Uhr. „Keiner wankt, der Regen prasselt unaufhörlich nieder“. Im Duktus eines Shakespeare- Verses umriss Reporter Herbert Zimmermann die ganze Intensität des Regenspiels im Wankdorf-Stadion, das Grosics zum Verhängnis wurde. Unauslöschlich prägte sich  der  Schuss des gegnerischen Stürmers Helmut Rahn in sein Hirn ein. Aus 12 bis 13 Metern Entfernung kam dieser  Torschuss, der Grosics Leben veränderte. „Ich bin nach rechts gesprungen. Es kam ein tückischer Aufsetzer auf regengetränktem Boden.“ Der Ball schlug knapp neben ihm und dem Pfosten ein. Er konnte natürlich nicht den Kommentar von Herbert Zimmermann hören: „ Schäfer nach innen geflankt. Kopfball! Abgewehrt! Aus dem Hintergrund müsste Rahn schießen. Tooor. Tooor. Tooor. Tor! Tor für Deutschland“. Herbert Zimmermanns Stimme überschlug sich weiter: „Schäfer hat die Flanke nach innen geschlagen. Schäfer hat sich gegen Bozsik durchgesetzt. 3:2 für Deutschland, fünf Minuten vor dem Spielende…“ Die zitierte Schilderung ist übrigens die aus der Hörfunk-Reportage, nicht die aus der Fernsehübertragung. Im Fernsehen  kommentierte ein gewisser Dr. Bernhard Ernst. Diese Tonspur ist verschollen, die  Fernsehaufzeichnung der ARD übrigens auch. Macht nichts.  Ein Team des Südwestfunks unterlegte später die rudimentären  Filmaufnahmen mit dem Ton der Radioreportage von Herbert Zimmermann. Eine Macht der Worte. Zimmermann wurde die „Stimme von Bern“. Es existiert keine komplette Fernsehaufzeichnung des Finales. Nur Schnipsel in Schwarz-Weiß und private Schmalfilmaufnahmen  in Farbe  vermitteln die Sensation.  Deutschland brachte das 3:2 über die Zeit   und wurde Weltmeister. Dazu Grosics: „Der Torschütze der Deutschen wurde zum Nationalhelden, ich wurde später des Nationalverrats beschuldigt und angeklagt. Die Deutschen zelebrierten ihr Wunder von Bern, wir leckten unsere  Wunde von Bern.“

Die „Wunde von Bern“ verheilte bei ihm nie. Sie blieb zeitlebens eine Narbe auf seiner ungarischen Seele. Nach der Rückkehr aus der Schweiz wurde Grosics  einer der „Sündenböcke“ für das stalinistische Regimes, das einen Sieg so dringend  brauchte, um die Überlegenheit des kommunistischen  Systems auch im Sport gegenüber dem dekadenten Kapitalismus westlicher Prägung zu demonstrieren.

Was ihn und seine Mitspieler  nach der Rückkehr in Ungarn erwartete, konnten diese schon  erahnen, als sie die Bilder von den  Ausschreitungen in Budapest am Abend des verlorenen Finals  im schweizerischen Fernsehen sahen. Das Team musste sich durch die Hintertür in die Heimat schleichen. Dem Zug wurde nicht zugejubelt wie dem Sonderzug der Deutschen Bundesbahn, der die „Helden von Bern“ nach Deutschland zurückbrachte. Statt eines großen Empfangs in Budapest, der nach dem erwarteten WM-Titel geplant war, verfrachtete man die „Goldene Mannschaft“ in ein Trainingslager bei Tatabanya.  Es deuteten sich keine schönen Zeiten an  für die einstigen „Helden der Nation“.

Grosics hatte Angst, vor allem nachdem Ministerpräsident Rakosi, der damals erste und gefürchtete Mann der politischen Führung, die Mannschaft am Tag nach ihrer Ankunft aus der Schweiz im Trainingslager besucht hatte. Er ahnte, dass es Schikanen geben würde. Die Privilegien wurden gestrichen, Spieler aus der Mannschaft genommen und Grosics vier Monate danach verhaftet. Im November 1954 leitete die Geheimpolizei   ein 13-monatiges Staatssicherheitsverfahren gegen ihn  wegen des Verdachts der Spionage ein, was Landesverrat bedeutet hätte. Unangenehme Aussichten für einen der besten Torhüter der Welt. Er erlitt – von allen Mitspielern- die heftigsten politischen Repressalien.

Mythos, Legende, Tragik. Es gibt kaum ein Fußballteam, das diese drei Worte besser charakterisiert als Ungarns „Goldene Mannschaft“ der fünfziger Jahre. Und Gyula Grosics steht wie kein anderer für Aufstieg und Fall eines Dream-Teams, das ab dem 14. Mai 1950 bis zum Endspiel in Bern keines der folgenden 32 Länderspiele mehr verlor, und das bei einem Torverhältnis von 144:33. Er war von Anfang an dabei und gewann 1952 mit Ungarn die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Helsinki. Die Entwicklung der überaus populären Mannschaft  verlief ab 1950 parallel zur Entdemokratisierung des Ungarns hin zu einem repressiven kommunistischen System.  Das Team um Kapitän Ferenc Puskas sollte den Kitt zur Bevölkerung bilden. In einem Fünfjahresplan wurde ab 1949 der Gewinn der WM 1954 systematisch angegangen.  Die besten Spieler des Landes wurden bei zwei Klubs zusammengefasst, die bewaffneten Staatsorganen zugeordnet wurden. Honved dem Militär, MTK Budapest dem Geheimdienst. Die Koordination dieser beiden Mannschaften nebst Spielerklau bei anderen ungarischen Mannschaften übernahm Gustav Sebes, ein glühender Kommunist,  Vize im Sportministerium und NOK-Chef Ungarns.

Der Linksschuss Rahns beendete diesen Fünfjahresplan,  löste den  Verfall der „Goldenen Mannschaft“ aus und leistete Vorschub für den zwei Jahre später, am 23. Oktober 1956  ausbrechenden Volksaufstand mit vielen Toten und einer Fluchtwelle ins westliche Ausland. Auch Grosics hätte fliehen können.

Am 4. November 1956 machte er mit der Mannschaft von Honved Budapest in einem Hotel in der Mariahilfer Strasse in Wien Station. Honved -damals eine der besten Mannschaften der Welt -war von einer lukrativen Auslandstournee zurückgekehrt, die sie bis nach Südamerika geführt hatte. Nun beobachtete man von Mariahilf aus im Fernsehen die Auswirkungen des Aufstands. Grosics saß in einem Zimmer zusammen mit Czibor, Puskas, Kocsis und Bozsik. „ Was sollen wir machen? Zurückkehren“? Eine schicksalhafte Entscheidung stand an. Dem Patriotismus oder dem Freiheitsdrang und lukrativen Verträgen bei den Top-Clubs in West-Europa zu folgen? Die Erfahrung mit den Repressionen und Anfeindungen nach dem verlorenen WM-Finale steckte ihnen noch in den Knochen. Puskas, Czibor und Kocsis entschieden, das Land zu verlassen. Grosics , Bozsik, Hidegkuti und die anderen Spieler hingegen beschlossen, nach Ende des Aufstandes nach Ungarn zurückzukehren.

Grabstätte: Budapest
St. Stephans-Basilika, Szent Istvan ter 1, Krypta

Dann senkte sich der Eiserne Vorhang hinter ihnen, über 32 Jahre lang. Grosics durfte seine Karriere fortsetzen, aber nicht, wie er es wollte, bei Honved oder seinem Lieblingsverein Ferencvaros Budapest. Stattdessen kam der Stellungsbefehl: Ab in die ländliche Minenstadt Tatabanya zum Zweitligisten Banyasz.  Dort spielte er bis zum Karriere-Ende 1962. Aber er blieb Stammtorwart der Nationalmannschaft und nahm an den Weltmeisterschaften 1958 in Schweden und 1962 in Chile teil. Allem Anschein nach hatte er sich mit den politischen Verhältnissen abgefunden, zumal Ungarn nach den langen Jahren der Repression ab den 70er Jahren ein offeneres Land wurde und auch die Verbesserung der ökonomischen Rahmenbedingungen es zuließ, sich mit dem Land zu arrangieren. Und nach dem Ende der politischen Irrungen und Wirrungen der 50er und 60er Jahre kehrte auch der Legendenstatus der „Goldenen Mannschaft“ allmählich wieder zurück. Das ungarische Volk begann, den „Geächteten von Bern“ Schritt für Schritt zu verzeihen. Man erkannte, dass das die beste ungarische Mannschaft aller Zeiten war. Denn nach dem Zerfall des Teams 1956 versank der ungarische Fußball in der internationalen Bedeutungslosigkeit.

Grosics arbeitete später als Abteilungsleiter in der ungarischen Automobilbehörde. Ende der 80er Jahre begann er, sich politisch als Aktivist und Kandidat des „Demokratischen Forums“ zu engagieren, um das Öffnen des „Eisernen Vorhangs“ zu erreichen. Als der  Stacheldraht  an der Grenze Ungarns zu Österreich am 27. Juni 1989 symbolisch von den Außenministern  der beiden Länder durchtrennt  wurde war der „Kalte Krieg“ vorbei und die Staaten Ost-Europas erhielten in den Folgemonaten ihre Selbstbestimmungsrechte und Freiheiten wieder zurück.

Auch die Exilanten konnten wieder zurückkehren, außer Sandor Kocsis, der 1979 in Barcelona Selbstmord begangen hatte. Jetzt sind sie wieder vereint. Czibor  verstarb 1997 und  wurde  in seiner  Heimatstadt Komaron beerdigt.  Puskas (2006), Grosics (2014) und  Kocsis (seit 2012) ruhen   in der Krypta der Budapester Stephans-Basilika, dort, wo die ungarischen Könige bestattet sind. Und Jenö Buzansky, der rechte Verteidiger, hat sich 2015 zu seinen Mitspielern jenes denkwürdigen Finales von 1954 in Bern gesellt.

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