Tarcisio Burgnich

Der Fels (La Roccia)

Quelle Foto: fanpage.it

Biografie
Geboren am 25.April 1939 in Ruda
Gestorben am 26.Mai 2021 in Forte dei Marmi
Grabstätte:
Stationen der Karriere als Fußballer
Position: Rechter Verteidiger
Vereine:  Udinese Calcio (1958-1960
Juventus Turin (1960-1961)
US Palermo (1961-1962)
Inter Mailand (1962-1974)
SSC Napoli (1974-1977)
66 Länderspiele (2 Tore)
Europameister 1968
Europapokal der Landesmeister 1964,1965
Weltpokal 1964,1965
Italienischer Meister 1963, 1965, 1966,1971
Italienischer Pokalsieger 1976

Die beiden Verteidiger Tarcisio Burgnich und Giacinto Facchetti (siehe Einzelporträt) verkörperten in den 60er und 70er Jahren das Gespenst des Catenaccio, das durch die Fußball-Arenen Europas waberte, vor allem in Gestalt von Internationale Mailand und der italienischen Nationalmannschaft, der Squadra Azzura.

Tarcisio und Giacinto: So schöne Vornamen. Lateinisch und altgriechisch. Der eine (Tarcisio) war der Mann aus Tarsus, wie der Apostel Paulus, der andere (Giacinto) die Hyazinthe. So gut sah der auch aus. Verteidiger mit solchen

Vornamen verbreiten zunächst bei den Stürmern keine Schrecken. Eher solche Vornamen wie Karl-Heinz (Förster), Horst Dieter (Höttges), Andoni Goikoetxea, der Schlächter aus Bilbao, der Diego Maradona und Bernd Schuster das Knie zertrümmerte. Nicht zu vergessen Vincent Peter „Vinnie“ Jones, genannt die „Axt“.

Inter Mailand 1973/74; 2. v.r. unten: Tarcisio Burgnich
Quelle Foto; wikimediacommons

Tarcisio und Giacinto klangen als Gegenspieler wirklich harmlos und freundlich. Wer legt sich mit einer Hyazinthe an. Aber beide waren ein Bollwerk, gegen das die besten Stürmer der Welt anrannten wie gegen die „spartanische Phalanx“ und sich dabei erhebliche Schürfwunden zuzogen. Vor allem erzielten sie keine Tore. Der Burggraben war geschlossen, die Zugbrücke von Inter Mailand oder der Squadra Azurra war hochgezogen.

Und vorne lauerte immer ein Stürmer, der das 1:0 machte, meistens Jair oder später Roberto Boninsegna. Auch dank Facchetti, der als moderner Außenverteidiger nach vorne preschte, um die Offensive um Jair, Suarez, Corso oder Boninsegna mit Flanken zu versorgen.  „Sie waren wie Manna für uns“ sagte einst Boninsegna. Tarcisio Burgnichs Passion hingegen war das Absichern, die Lust an der Zerstörung und der Ergebnis-Verwaltung. Der „Fels in der Brandung“, la Roccia.

Bei der WM 1970 in Mexico erlebte Burgnich  Himmel und Hölle.

(Himmel): Im Aztekenstadion von Mexico City begann am 17. Juni um 16.00 Uhr vor 102.444 Zuschauern das Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien. Auf dem Platz hatte es 50 Grad Celsius. In der Verlängerung führt Deutschland mit 2:1. In der 98. Minute lässt der deutsche Stürmer Sigi Held im eigenen Fünfmeterraum den Ball mit der Brust abtropfen, vor die Füße von Burgnich. Was macht Held im Strafraum der Deutschen? Er ist doch Stürmer. Was macht Burgnich im Strafraum der Deutschen? Die Gegend kannte er sonst nur vom Hörensagen. Burgnich macht das 2:2. Am Ende gewinnt Italien diese historische Begegnung mit 4:3.

(Hölle): Vier Tage später findet das Finale dieser WM statt: Brasilien-Italien. Die ausgepumpten Italiener gehen noch 1:0 in Führung durch Boninsegna. Aber dann verfallen sie in Ohnmacht. Den Wirbelstürmen rund um Tostao, Gerson, Rivelino und Carlos Alberto hatten sie nichts mehr entgegenzusetzen. Und Burgnich übernahm die undankbarste aller Aufgaben. Er sollte Pele neutralisieren. „Vor dem Spiel habe ich mir gesagt. „Er ist auch nur ein Mensch aus Fleisch und Blut. Nach dem Spiel wusste ich es besser.“ Italien verlor mit 1:4.

Tarcisio blieb Zeit seines Lebens ein Idol in Italien, nicht nur für die Nation, sondern auch für die Nachwuchsspieler, die wie er sein wollten: Ein Fels, der Italien verteidigt. Vorne geht immer was. Das reicht für den Sieg! Forza Italia!

Uwe Morawe

Mondlandung im Aztekenstadion

Ernst Huberty schaltete die rote On-Air-Taste aus. Die letzten 120 Minuten hatte er gebannt auf das Rasenrechteck des Aztekenstadions gestarrt. Und dazu kommentiert. Die deutsche Nationalmannschaft hatte soeben ihr bestes Spiel aller Zeiten abgeliefert und auf tragische Weise mit 3:4 gegen Italien verloren. Dennoch fühlte sich Huberty alles andere als unglücklich. Er hatte sofort begriffen, dass er Teil der Geschichte geworden war. Jahrhundertspiel. In der Nachwelt und den Archiven wird diese historische Partie auf ewig mit seiner sachlich unterkühlten Stimme verbunden sein. Drei Reihen unter ihm sah er Kurt Brumme, den Kollegen vom Hörfunk. Völlig fertig und nassgeschwitzt. Huberty konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Er hatte aufs richtige Pferd gesetzt, das Fernsehen. Erstmals waren die Bilder einer WM in Farbe in die deutschen Wohnzimmer geflimmert. Die Menschen empfanden die grobkörnige Mischung aus den drei Spektralfarben doch tatsächlich als Teil ihrer eigenen Realität. Schwarzweiß hatte stets etwas Trennendes besessen, eine klare Grenze gezogen zwischen Betrachter und technischem Gerät.

Nun in Farbe wurde der Zuschauer in den Fernseher hineingesogen, stellte sich vor, er säße selbst auf der Tribüne beim großen Spiel. Und das sogar doppelt. Die Tore kamen doppelt! Das blinkende „R“ stand für Replay, Wiederholung. Wunderwerk der modernen Welt: plötzlich saß der Zuschauer ganz woanders, nämlich hinter dem Tor. Dazu die neue Internationalität. Man kam sich wichtig vor. In riesigen Blockbuchstaben wurde Spielpaarung und Spielstand über das laufende Bild geklatscht. Schon bald hatten die Deutschen auf ihrem Sofa begriffen: Alemania, das waren wir! Aufgrund all dieser Änderungen war die Radioreportage tot, nur noch etwas für Notfälle, auf Reisen, wenn kein Fernseher zur Verfügung stand. Gerade mal 16 Jahre war es her, beim epochalen WM-Finale 1954, da war es noch genau umgekehrt. Ernst Huberty war einer der wenigen, dem der Name Bernhard Ernst überhaupt noch etwas sagte. Der Fernsehkommentator des Wunders von Bern. Pech für Ernst, dass es damals noch keine Möglichkeit gab, Fernsehbilder aufzuzeichnen.

Die gesamte Nation hatte sich in Gaststätten oder vor Elektrogeschäften versammelt, um Sepp Herbergers Elf gegen die Ungarn siegen zu sehen. Doch was Ernst dazu kommentierte, blieb ein flüchtiger 90-Minuten-Augenblick. In den Orbit geschickt und auf immer verloren. Ins kollektive Gedächtnis hatte sich die Radioreportage von Herbert Zimmermann eingebrannt. Die konnte auf Tonbändern archiviert werden und wurde nachträglich mit den Filmbildern vom Finale montiert. Und so waren Zehntausende von Menschen, die live Bernd Ernst zugehört hatten, im Nachhinein felsenfest davon überzeugt, dass es Zimmermann gewesen sei.

Jetzt würde alles anders sein. Huberty sah, wie Brumme seine Unterlagen verstaute. Der arme Brumme. So lang schon dabei und zum zweiten Mal geschlagen. 1954 war unter den vier deutschen Hörfunkreportern ausgelost worden, wer welches Spiel begleiten würde. Das Los fürs Finale fiel auf Zimmermann und nicht auf Brumme. Und nun im falschen Medium unterwegs.

Brumme hatte heute einen Jahrhundertkommentar zum Jahrhundertspiel abgeliefert. Der ansonsten eher nüchterne Reporter war vom Geschehen mitgerissen worden. Es passte alles, die Emotionalität, das Mitfiebern mit den Deutschen, das Wehklagen über den parteiischen Schiedsrichter Yamasaki, die ehrliche Empörung über das bewusste Zeitschinden der Italiener. „Ich muss Ihnen mitteilen, Burgnich ist soeben auf dem Platz verstorben, oh nein, da steht er wieder auf…“ Doch was nutzte Brumme all die rhetorische Kunst? Ein paar Ewiggestrige und Hörfunkarchivare würden seine grandiose Leistung zu schätzen wissen. Die modernen Zeiten gehörten dem Fernsehen und damit ihm, Huberty. Huberty war sich bewusst darüber, dieses überwältigende Fußballspiel hätte jeden Kommentator verewigt, wirklich jeden. Der Glücksfall, der Sechser im Lotto war Huberty zuteilgeworden. Ausgerechnet ihm.

Dass seine Reportage Schwächen aufwies, wen interessierte es? Huberty war stets der Überzeugung gewesen, dass der Zuschauer schon selbst so aufgeregt sei, dass man das als Reporter nicht noch schüren müsse. Zimmermann hatte sich als Fan am Mikrofon verstanden – diese Herangehensweise war bei Huberty verpönt. Und so hob sich bei all der Dramatik zwischen den Deutschen und den Italienern die Stimme kaum. „Seeler…Müller…das ist Beckenbauer…Overath…Graaabowskiii…zurück zu Seeler.“ Endlose monotone Aneinanderreihungen. Als säße man im Wartesaal des Arbeitsamts, wo die Namen aufgerufen werden.

Dass Huberty entscheidende Faktoren für die Niederlage wie die unglückliche Einwechslung Siggi Helds, der an zwei Gegentoren beteiligt war, oder das reine Nebenherlaufen von Willi Schulz beim entscheidenden vierten italienischen Treffer nicht thematisiert hatte, spielte keine Rolle. Selbst beim dramatischen Höhepunkt, dem Ausgleich in letzter Sekunde der regulären Spielzeit, war Huberty lediglich ein Allgemeinplatz eingefallen. Schnellinger, ausgerechnet Schnellinger, werden die Italiener sagen. Fast tonlos vorgetragen. Da rennt die deutsche Mannschaft nach der Pause unentwegt an, drei mögliche Elfmeter werden verwehrt, die Latte getroffen – und dann doch noch der Ausgleich durch Karl-Heinz Schnellinger, der noch nie ein Tor erzielt hatte. Und Huberty hatte lediglich auf den lahmen und jedem geläufigen Tatbestand verwiesen, dass Schnellinger seit sieben Jahren in Italien spielt. Ausgerechnet, ein Wort war damit etabliert, auf das in den nächsten Jahrzehnten in Sportkommentatoren stets die Nichtigkeiten dieser Welt folgen sollten.

Ausgerechnet. Weit entfernt von den sprachlichen Höhenflügen des Kurt Brumme da drei Reihen unter ihm. Doch was soll’s? Huberty war sich der Größe des Ereignisses bewusst. Ein Jahr zuvor hatte Neil Armstrong beim ersten globalen Fernsehereignis den Mond betreten. Die Worte von Armstrong („That’s one small step for a man…“) waren gut gewählt. Doch es wäre kein Unterschied gewesen, wenn Armstrong seine Großmutter gegrüßt hätte. Die Macht des historischen Augenblicks. Huberty konnte sich auf dem Schalensitz des Aztekenstadions beruhigt zurücklehnen. Alles, wirklich alles was er gesagt hätte, wäre von nun an Kult gewesen. Es wurde ausgerechnet „ausgerechnet“.

Nachtrag: Ernst Huberty blieb auch nach seiner Entlassung als „WDR“-Sportchef die wohl einflussreichste Persönlichkeit in der TV-Sportberichterstattung. In den 90er Jahren griff in den großen Fernsehhäusern ein Trend um sich, dass Posten in der Chefredaktion nicht mehr durch Leute am Mikrofon, sondern durch Männer im organisatorischen Hintergrund besetzt wurden. Die hatten entweder nie kommentiert oder waren zur Erkenntnis gelangt, dass darin nicht ihre Stärke lag. Weil sie häufig selbst nicht urteilssicher waren, benötigten diese neuen Führungskräfte Experten zur Schulung und Weiterbildung ihres operativen Personals. In diesem Bereich wurde Huberty der Big Player. Egal ob Beckmann, Kerner, Wontorra oder Reif – alle saßen sie auf Hubertys Sofa. Daher ist im Fernsehkommentar in Deutschland bis heute der distanziert nüchterne Ansatz Hubertys prägend. Was bei Bundesligaspielen zweier deutscher Mannschaften untereinander weiterhin auch angebracht scheint.

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