Udo Lattek

„Der letzte Preuße“

Quelle Foto: spherasports.com

Biografie:
Geboren am 16.01.1935 in Bosemb /Ostpreußen
Gestorben am 31.01.2015 in Köln
Grabstätte: Köln-Weiden
Neuer Weidener Friedhof
Leonhardsgasse 8
Stationen der Karriere als Spieler:
SSV Marienheide (1948-1955)
Bayer Leverkusen (1955-1958)
VfR Wipperfürth (1958-1961)
VfL Osnabrück (1962-1965)
Stationen der Karriere als Trainer:
VfR Wipperfürth (1964-1969) und DFB-Trainer (1965-1970)
FC Bayern München (13.3.1970-12.1.1975)
Borussia Mönchengladbach (1975-1979)
 Borussia Dortmund (1979-1981)
 FC Barcelona (1981-13.2.1983)
 FC Bayern München (1983-1987)
1.FC Köln (1987-02/1988)
1.FC Köln (Technischer Direktor, 13.09.1990-8.03.1992)
Schalke 04 (1992-1993)
Borussia Dortmund (13.04.-30.06. 2000)
Europapokal der Landesmeister 1974
Europapokal der Pokalsieger 1982
UEFA-Pokal 1979
Deutscher Meister 1972; 1973;1974;1976;1977;1985;1986;1987
DFB-Pokalsieger 1971;1984;1986
Spanischer Pokalsieger 1982

Am 20. Juli 1944, um 12.42 Uhr erschütterte eine gewaltige Detonation die Gegend um das damalige Rastenburg am Rande der Masurischen Seenplatte in Ostpreußen. Oberst Claus Schenk Graf von Staufenberg hatte während einer Lagebesprechung des Oberkommandos der Wehrmacht mit Adolf Hitler in der „Wolfsschanze“, dem streng abgeriegelten Führerhauptquartier im Forst Görlitz, eine Aktentasche unter dem Besprechungstisch deponiert. Inhalt: Eine Bombe mit Zeitzünder, um nicht selbst zu Tode zu kommen, sondern lebend die „Wolfsschanze“ zu verlassen und in Berlin am Nachmittag nach dem zu erwartenden Tod des Diktators die „Operation Walküre“ auszulösen. Es war ein detailliert geplanter Staatsstreich, um Deutschland vom Nationalsozialismus zu befreien.

Der neunjährige Udo Lattek wird die Explosion möglicherweise gehört haben, denn die „Wolfsschanze“ war in Luftlinie nur zehn Kilometer vom Wohnort seiner Familie Lattek entfernt. Udo Lattek wurde 1935 im damaligen Bosemb, (ab 1938 Bussen, ab 1945 polnisch Boze) geboren. In dieser östlichsten Region des Deutschen Reiches war damals alles noch friedlich, obwohl schon politisch erkennbar war, (nicht für den kleinen Udo), dass die Nationalsozialisten die im Vertrag von Versailles 1919 an Polen verlorenen Ost-Gebiete (Westpreußen inclusive der Stadt Danzig und Schlesien) wieder „Heim ins Reich“ holen wollten.

Nach dem siegreichen „Westfeldzug“ gegen Frankreich im Mai und Juni 1940 hatte Hitler den Angriff auf die Sowjetunion beschlossen, der dann am 21. Juni 1941 begann. Deshalb kam es Ende 1940, rund vier Wochen vor Udo Latteks sechstem Geburtstag, mit dem Baubeginn des Führerhauptquartiers „Wolfsschanze“ zu gewaltigen Veränderungen in Udos verschlafener Heimatregion.

In der weitläufigen, oberirdischen Anlage mit 50 Bunkern, 70 Kasernen, zwei Flugplätzen und einem Bahnhof, rund 2.000 Offizieren, Soldaten und Zivilpersonen hielt sich Hitler als Oberbefehlshaber der Deutschen Wehrmacht -mit kurzen Unterbrechungen – von Juni 1941 bis November 1944 auf. Am 16. Oktober 1944 begann eine Großoffensive der „Roten Armee“ in Richtung Reichsgrenze . Am 24. Januar 1945 wurde die Wolfsschanze durch die Wehrmacht gesprengt. Die zerstörten Bunker stehen immer noch da als ein Relikt des Größenwahns.

Mauerreste der ehemaligen Lagebaracke in der „Wolfsschanze“, dem Ort des Attentats vom 20. Juli 1944

Udo Lattek musste den Einmarsch der Russen nicht erleben, denn seiner Familie gelang noch rechtzeitig die Flucht in den Westen, auf welchen Wegen auch immer. Es verschlug die Familie mitsamt dem Sprössling Udo ins Rheinland, nach Wipperfürth. Ursprünglich sollte Udo ja Bauer in Ostpreußen werden, stattdessen machte er im oberbergischen Hügelland Abitur, studierte in Köln an Universität und Sporthochschule Anglistik und Sport. Sein Ausbilder im Fachbereich Fußball war ein gewisser Hennes Weisweiler. Der beobachtete seinen Schüler Udo Lattek weiter aufmerksam, als der auf die Trainerseite wechselte. Bald war er von dessen Entwicklung so beeindruckt, dass er den Novizen 1965 dem neuen Bundestrainer Helmut Schön als Assistenten und Verantwortlichen für die Junioren-Nationalmannschaft empfahl. „Der Lattek is`n Juter“. Das sind Lebenslinien einer Generation, die in einer Zeit groß wurde, als zumindest die europäische Welt aus den Fugen geraten war.  Und das hat den Menschen Udo Lattek geprägt. Sein Hunger nach Erfolg war nie zu stillen..

Lattek bekam den Job, eingebettet in das Tainer-Dreigespann Helmut Schön, Dettmar Cramer und Jupp Derwall. Da konnte man was lernen. Der Novize war ehrgeizig mit sehr guten theoretischen Kenntnissen und Artikulationsfähigkeiten bei der Vermittlung taktischer Inhalte. Und er konnte Kabinenansprachen zeit seines Lebens. Die jungen Spieler mochten ihn, was eine entscheidende Auswirkung auf seine Trainertätigkeit hatte. Denn 1970 verließ er den Beamtenposten beim DFB und wechselte am 13. März 1970 zu Bayern München, um Branco Zebec nachzufolgen, der an Autorität verloren hatte. Beckenbauer kannte Lattek von der Nationalmannschaft her und Präsident Neudecker war sehr erfreut über die Morgengabe von zwei fußballerischen Diamanten, die von Lattek in der DFB-Junioren-Nationalmannschaft geschliffen worden waren. Uli Hoeneß kam vom SSV Ulm zu den Bayern, Paul Breitner vom ESV Freilassing. Es begann eine neue Ära an der Säbener Straße in München.

21. September 1965; Sportschule Malente. Kader der Nationalmannschaft für das WM-Qualifikationsspiel gegen Schweden am 26. September in Stockholm. (1:2) Udo Lattek 4. von rechts oben neben Franz Beckenbauer

Rund vier Jahre später fand das Europapokalfinale der Landesmeister zwischen Bayern München und Atletico Madrid am 15. Mai 1974, einem Mittwoch, in Brüssel statt. Für den 39jährigen Lattek war dieses Spiel eine weitere Zäsur in seinem bewegten Leben nach der Vertreibung aus Ostpreußen 1945. Beim Stand von 0:1 in der Verlängerung (Luis Aragones hatte in der 114. Minute das Tor für die Spanier erzielt) waren nur noch Sekunden zu spielen. Den Bayern fiel nichts mehr ein. Doch, einem schon! Das waren aber nicht die Heroen Beckenbauer, Breitner, Hoeneß oder Müller, sondern „Katsche“ Schwarzenbeck, der den gegnerischen Strafraum nur vom Hörensagen kannte. Der kantige Leibwächter von Kaiser Franz schnappte sich den Ball in der eigenen Hälfte und stürmte nach vorn. Trainer Udo Lattek empfand das als Kapitulation, wendete sich vom Spielfeld ab und ging in Richtung Katakomben. „Finito de la Musica.“ Und dann schlug Schwarzenbeck‘s Gewaltschuss auf regnerischem Boden in Atleticos Gehäuse ein! 1:1. Wiederholungsspiel zwei Tage später, am Freitag, dem 17. Mai. Das gab es damals noch. Bayern siegte mit 4:0. Es soll alkoholhaltige Getränke in der Kabine und danach im Hotel gegeben haben. Die Vorbereitung auf das abschließende Spiel 24 Stunden später um 15.30 bei Borussia Mönchengladbach um die Deutsche Meisterschaft war folglich nicht optimal aus der Sicht der medizinischen Abteilung. „Scheißegal“ in der Sprache der Fußballer. Zumal Bayern den Meistertitel sicher hatte. Bayern verlor mit 0:5. Die „Gladbacher“ waren gnädig angesichts der Leistung des FC Bayern, den ersten Titel als Europapokalsieger der Landesmeister (aus Deutschland) geholt zu haben.

Udo Lattek war nun im Olymp des europäischen Fußballs angekommen und unter den großen Trainern der letzten 50 Jahre etwas Besonderes. Denn er war einer der ersten erfolgreichen internationalen Trainer, die keine nennenswerten Erfolge als Spieler vorweisen konnten. Wie Vittorio Pozzo in den 30er Jahren und später Alex Ferguson, Jürgen Klopp, Jose Mourinho oder Arrigo Sacchi. Lattek lädierte den Mythos „Gute Fußballer werden die besseren Trainer“. Das ändert nichts an der Wertschätzung von Zinedine Zidane, Carlo Ancelotti, Ernst Happel und Pep Guardiola.

Kommunikativ stark wusste er mit Superstars wie Beckenbauer oder Netzer umzugehen, allein Maradona bildete die Ausnahme. Lattek konnte arrogant sein und ein Rededuell mit Uli Hoeneß meistern, er konnte saufen mit seinen Zöglingen bis zum Morgengrauen und sie dann beim Vormittagstraining zum Erbrechen bringen. Er charakterisierte sich als „Hans Albers des Fußballs“: „Der konnte auch mal ordentlich einen nehmen, doch wenn gearbeitet wurde, dann war er da“. Auf der Reeperbahn nachts um halb Eins. „Die großen Trainer haben alle gesoffen: Weisweiler, Happel, Zebec“ konterte Lattek den Vorwurf etwas übertriebenen Alkoholkonsums, „und ich gehöre ja auch zu den Großen“.

Ludger Schulze schrieb einst über die Ära Udo Lattek von 1970 bis 1975 beim FC Bayern: “Lattek musste nur noch hegen und pflegen wie ein Gärtner seine Rosen, den Herren Stars Zucker geben und den Mitläufern die Peitsche, wenn nötig. Die Taktik wurde hauptsächlich von Franz Beckenbauer bestimmt. Latteks Aufgabe bestand vor allem darin, schädliche Einflüsse und größeren Ärger von der Mannschaft fernzuhalten und den Kader von Jahr zu Jahr mit dem Manager Robert Schwan zu ergänzen. Das gelang ihm immer wieder.“

Im Frühjahr 1975 -er war gerade in München entlassen worden- unterschrieb er einen Vertrag bei Rot Weiß Essen, das damals in der 1. Bundesliga spielte. Die Unterschrift leistete er in einer Essener Kneipe. Den bereit gestellten Sekt verschmähte Udo: “Hier im Revier wird Bier getrunken“. Es war Stauder Pils. Das brachte ihm neue Freunde in dieser Region ein. Nur hielt die Freundschaft nicht lange, denn zu Saisonbeginn 1975/76 coachte er plötzlich Borussia Mönchengladbach. Lattek hatte sich schnell umentschieden und mit 20.000 Mark aus dem Vertrag herausgekauft: Argumentation:“ Was würden Sie denn machen, wenn Sie die Wahl zwischen einem Fahrrad und einem Mercedes hätten?“

Lattek übernahm erneut ein fertiges Team mit Weltklasse-Spielern wie Jupp Heynckes, Berti Vogts, Herbert Wimmer, Rainer Bonhof und den dänischen Stürmern Alan Simonsen und Henning Jensen. „Der liebe Gott macht Spieler. Trainer machen Mannschaften“ (Dettmar Cramer). Lattek gewann mit Gladbach zwei deutsche Meisterschaften, den UEFA-Pokal und stand mit den Borussen im Finale des Europapokals der Landesmeister am 25. Mai 1977 in Rom, das mit 1:3 verloren ging. Aber dann erkannte er, dass die Ära Borussia Mönchengladbachs der 60er und 70er Jahre zu Ende ging. Wegen beschränkter finanzieller Ressourcen des Vereins wurden die besten Spieler verkauft. Das war kein Modell mehr, um ganz oben mitzuspielen. Er wechselte 1979 zu Borussia Dortmund. Die Erwartungshaltungen waren hoch, aber der Kader genügte den Ansprüchen nicht.

Und dann kam es zu einer erneuten Zäsur in Latteks bewegtem Leben. Sein Sohn Dirk starb 1981 im Alter von 15 Jahren an Leukämie. Das traf ihn und seine Frau sehr schwer. Udo Lattek nahm ein Angebot des FC Barcelona an, nur weg aus Deutschland, ein völlig anderes Umfeld zum Vergessen der privaten Sorgen und Nöte.

Mit Barcelona gewann Lattek den Europapokal der Pokalsieger. Aber trotzdem scheiterte er dort an Diego Maradona, der Narrenfreiheit hatte. Bernd Schuster, Zimmergenosse des legendären Argentiniers, muss es wissen.: „Maradona und Udo waren wie Tag und Nacht. Udo hatte kaum eine Chance, disziplinarisch gegen Diego vorzugehen. In Barcelona war Land unter, nachdem Diego als Star der WM 1982 -am Trainer vorbei-verpflichtet worden war. Udo versuchte dennoch alles, ihn zu integrieren. Aber die Presse machte nach acht erfolglosen Jahren Druck, forderte Lattek oder Maradona. Da sind sie eben den einfachen Weg gegangen und haben mit Cesar Luis Menotti (Trainer der Weltmeistermannschaft Argentiniens 1978) einen Landsmann von Maradona geholt. Übrigens nicht erfolgreicher.“ Maradona war wie ein Mustang. Man konnte ihn nicht zähmen.

Es ist kein Naturgesetz, dass große Trainer an abgehobenen Einzelspielern scheitern können oder müssen. Alex Ferguson von Manchester United warf einst David Beckham in der Mannschafts-Kabine einen Fußballschuh an den Kopf. „Fuck off! Verschwinde mit deiner Victoria nach Madrid“. Und er schuf nach Beckhams Abflug wieder eine großartige Mannschaft, die 2008 erneut die Champions-League gewann, ohne Beckham. Udo Lattek hatte auch diese Aura und Mentalität, brachial Personalentscheidungen nicht im Sinne der Spieler durchzusetzen, nur in Barcelona gelang es nicht.

Mit acht Meisterschaften ist Udo Lattek der erfolgreichste Trainer der Bundesliga-Historie und auch im europäischen Ranking der Trainer mit den meisten nationalen Meisterschaften gehört er zu einer illustren Gesellschaft: Alex Ferguson (13) (England); Mircea Lucescu (13) (Rumänien; Türkei; Ukraine); Pep Guardiola (11) (Spanien/Deutschland/England); Jock Stein (10) Schottland; Miguel Munoz (9) (Spanien); Ottmar Hitzfeld (9) (Schweiz/Deutschland); Udo Lattek (8) (Deutschland); Valeri Lobanovskyi (8) (Sowjetunion/Ukraine;) Jose Mourinho (8) (Portugal/England/Italien/Spanien); Giovanni Trapattoni (7) (Italien/Portugal/Deutschland/Österreich)

Udo Lattek beherrschte den Psychokrieg, wenn es in der Endphase einer Meisterschaft um alles ging. Motto: „Wenn kein Wind weht, fällt die Regatta aus“. Als Trainer des FC Bayern (immerhin insgesamt rund 10 Jahre) zermürbte er mit seinem kongenialen Partner Uli Hoeneß medial die Meisterschaftskonkurrenten. Werder Bremen kann ein Lied davon singen, obwohl mit Willi Lemke und Otto Rehhagel zwei Kombattanten fast auf gleicher Ebene agierten. Aber nur fast. Und die via ZDF-Sportstudio ausgetragene Fehde zwischen Trainer Christoph Daum (1.FC Köln), assistiert von Udo Lattek (als Kolumnist der Sportbild) und Tainer Jupp Heynckes (Bayern München), assistiert von Manager Uli Hoeneß in der Endphase der Deutschen Meisterschaft 1988/1989 bescherte dem ZDF-Einschaltquoten (8 Millionen), die heute jedem ZDF-Intendanten vor lauter Wehmut die Tränen in die Augen treiben würden:  In der Bundesliga-Saison 2022/2023 lag die Quote noch bei rund 1,81 Millionen Zuschauern.

Jeder Trainer oder Spieler wird auf die Frage, welche seine bitterste Niederlage war, zumindest ein Spiel nennen können. Ottmar Hitzfeld wohl die Niederlage mit dem FC Bayern im Champions-League Finale von 1999 in Barcelona gegen Manchester United in der Nachspielzeit. Johan Cruyff das verlorene WM-Finale 1974 in München gegen Deutschland. Hubertus Jozef Margaretha Stevens den Sieg gegen die Spvgg Unterhaching am 19. Mai 2001 und begleitet vom Verlust des Meistertitels, weil Bayern München in Hamburg noch gewann, während die Schalke Fans im Parkstadion siegestrunken auf das Spielfeld rannten.

Udo Lattek sagte nach der Niederlage im Finale des Europapokals der Landesmeister am 27. Mai 1987 in Wien gegen den Außenseiter FC Porto (1:2): „Dies ist die bitterste Niederlage meines Lebens. Ich muss mir gratulieren, dass ich aufhöre. Ich bin nicht mehr dazu in der Lage, die Verantwortung dafür zu tragen, dass Spieler nicht bringen, was sie eigentlich können“.

Natürlich hörte er nicht auf. Die Luft weicht schwerlich ganz aus dem Ball. Original-Zitat Udo Lattek „Fußball ist eine Droge. Wenn sie dich einmal gepackt hat, lässt sie dich nicht wieder los.“

Das weitere Berufsleben des Jungen aus Ostpreußen veränderte sich nun. Nach dem Abschied vom FC Bayern 1987 (wieder drei Meistertitel) wurde Nordrhein-Westfalen, dieses künstliche Bundesland, erneut seine Heimat, wie damals 1945, nach den zehn Jugendjahren an der Masurischen Seenplatte.

1946 wuchs in seiner zweiten Heimat etwas zusammen, was nicht zusammengehört. Am 23. August 1946 verfügte die britische Militärregierung die „Auflösung“ der Provinzen des ehemaligen Landes Preußen. Aus dem südlichen Teil der preußischen Rheinprovinz mit den Regierungsbezirken Aachen, Düsseldorf und Köln sowie der nördlichen Provinz Westfalen wurde das Land Nordrhein-Westfalen gebildet.

Der Westfale ist bis heute der natürliche Feind des Rheinländers. Wenn Borussia Dortmund beim 1. FC Köln spielt oder umgekehrt prallen landsmannschaftlich völlig verschiedene Welten aufeinander. Schon allein sprachlich. Die Dortmunder singen westfälisches Liedgut: „You never walk alone“ in der sprachlichen Lautmalerei, die Goethe und Schiller gefallen würde. Allerdings erscheint die Südkurve nicht immer ganz textsicher. Dem steht der kölsche Singsang der FC-Fans gegenüber mit einer leichten Feuchtigkeit in der Aussprache (der Rhein ist in der Nähe). „Mer stonn zo dir, FC Kölle“. Um das zu verstehen, braucht es keinen Gebärden-Dolmetscher wie auf der Südtribüne Dortmunds.

Und ein Rosenmontag in Köln ist verglichen mit einem in Dortmund wie die Champions-League (Köln) und die Kreisliga C (Dortmund). Der kleine Udo aus Bosemb schaffte diesen Spagat zwischen naturgesetzlichen Gegensätzen. Er trainierte den 1. FC Köln (Rheinland), Schalke 04 (Westfalen) und Borussia Dortmund (Westfalen).

Ein Höhepunkt seiner landsmannschaftlichen Flexibilität war das kurzfristige Engagement bei Borussia Dortmund Ende der Saison 1999/2000. Präsident Gerd Niebaum: “Udo, du musst uns retten“. Er schaffte es mit seinem jungen Assistenten Matthias Sammer. Der Kurzeinsatz brachte dem Retter 500.000 Mark vor Steuern ein.“ Die Marie muss stimmen“ war ein Lebensmotto Latteks.

Irgendwann wurde es ihm aber zu blöd mit den ganzen Querelen in den Vereinen und er entdeckte wie sein Vorbild Max Merkel seine Begabung als Kolumnist. Für die „Sportbild“ (hohe Reichweite mit rund 4 Millionen Lesern) schrieb er Kolumnen, die in Sachverständnis, Zynismus und Sarkasmus denen von Merkel nicht nachstanden. Als Experte am Fußball-Stammtisch „Doppelpass“, der seit September 1995 ausgestrahlten sonntäglichen Talkshow aus München des Senders DSF, heute Sport1, mit einer Einschaltquote von über einer Million Fußballfans, die noch leicht angeschlagen sind vom Spiel ihrer Mannschaft am Vortag und der anschließenden Analyse am Biertisch, fand er die richtigen Worte. Analytisch, sehr scharfzüngig und als Coach mit allen Wassern gewaschen kommentierte und diskutierte er den Fußball der neuen Generation von Spielern und das Fußballverständnis seiner Nachfolger als Trainer oder Manager. Lattek war ausgestattet mit vielen Informationen aus dem redseligen Umfeld der Vereine. Beispielhaft und legendär ist sein Streitgespräch mit Uli Hoeneß im „Doppelpass“ von Sport1 am 26. Oktober 2003 (siehe You Tube). Udo Lattek wandelte sich vom Fußballcoach zur universellen Medienfigur. Er blieb auch dabei ein Großer des europäischen Fußballs. Seine letzte Ruhe fand er am 10. Februar 2015 neben seinem Sohn Dirk in Köln-Weiden. Hier endete die Odyssee des Jungen von der Masurischen Seenplatte.

Grabstätte Udo Lattek; Köln- Weiden, Neuer Weidener Friedhof, Leonhardsgasse 8

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