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Garrincha

„Der Zaunkönig“

Biografie
Geboren am 23.3.1933 in Pau Grande
Gestorben am 20.1.1983 in Rio de Janeiro
Grabstätte: Pau Grande Mage Cemiterio Rais da Serra
Stationen der Karriere als Fußballer
Position: Rechtsaußen
Vereine: EC Pau Grande (1947-1953)
Botafogo Rio de Janeiro ((1953-1965)
Corinthians Sao Paulo (1965 –1967)
Portuguesa Santista (1968)
Fortaleza (1968)
Atletico Junior (1968)
Flamengo Rio de Janeiro (1968-1969)
Novo Hamburgo (1969)
Football Club Rio-Grandense (1969)
Cordeiros (1972)
Olaria Atletico Clube (1972)
60 Länderspiele für Brasilien (1955-1966) 17 Tore
Weltmeister 1958, 1962

Die WM-Quartiere der Mannschaften während der Weltmeisterschaften der 50er, 60er und auch noch der 70er Jahre waren meist spartanisch, wenn nicht hier oder da sogar kasernenartig. Aber so ging es im alten Sparta rund 400 vor Christus auch zu.

Deutschlands Nationalmannschaft „residierte“ 1962 in der Militärschule Santiago de Chile, 1974 in der Sportschule Malente in Schleswig-Holstein, 1978 in der Offiziersschule der argentinischen Luftwaffe „Ascochinga“, auf deutsch „toter Hund“  nahe Cordoba unweit der Anden. Im Ort gab es nicht einmal ein Geschäft. Das kann auf’s Gemüt schlagen und man verliert  gegen Österreich.

Damenbesuch in diesen Kasernen war natürlich verboten. Es bestand die Gefahr der Vergeudung von Manneskraft. Das Schlosshotel Grunewald in Berlin als Quartier der deutschen Mannschaft 2006 oder das Campo Bahia in Brasilien 2014 boten da schon bessere Rahmenbedingungen für die deutschen  Spieler und den Trainerstab. Wenn Herberger das wüsste, würde er sich im Grabe umdrehen.

Im WM-Quartier der Brasilianer 1958 in Schweden feierten die Spieler hingegen ungleich  fröhlichere Urständ als die europäischen Mannschaften. Garrincha, der Rechtsaußen, nutzte eine Gunst der Stunde, um im beschaulichen Örtchen Hindas bei Göteborg wo auch immer einen kleinen, kaffeebraunen Schweden namens Ulf Lindberg zu zeugen, der im März 1959 das Licht der Welt im noch verschneiten Wintersportort Hindas erblickte und die ersten Tage auf einer Säuglingsstation mit vielen neuen blonden schwedischen Erdenbürgern verbrachte. Ulf, Sohn des Garrincha, ist eines seiner offiziellen 14 Kinder mit offiziellen 6  Frauen, die inoffiziellen ausgenommen. Der Sohn hat seinen Vater nie gesehen, der ihn aber anerkannte. Garrinchas  Enkel Henrik Johannson spielt heute bei Trelleborgs FF südlich von Malmö in der ersten schwedischen Liga als hängende Spitze und hat laut Transfermarkt  einen Marktwert von  50.000 Euro.

Ein Psychologe unterzog die brasilianischen Kandidaten für die WM 1958 einer Untersuchung und  legte dem Trainer, Vicente Feola, nahe, auf zwei Spieler zu verzichten. Auf Manoel Francisco dos Santos, genannt Garrincha, der rechts ein X-Bein und links ein sechs Zentimeter kürzeres O-Bein hatte.  Der Psychologe attestierte Garrincha, geboren in den Urwäldern von Pau Grande nördlich von Rio de Janeiro, einen Intelligenzquotienten nahe Zimmertemperatur. Und er legte Feola auch den Verzicht auf Pele nahe, weil der mit seinen 17 Jahren noch zu kindlich sei. Der Trainer ignorierte die Empfehlung und lud auch aufgrund  der  Fürsprache von Verteidiger Nilton Santos die beiden für die  WM 1958  in Schweden ein. Garrincha hatte Santos mal schwindelig gespielt. Nilton Santos drehte sich immer noch.

Gummischleuder.
Quelle Foto: trespontos.blog.br

Ein „Depp“ und ein Jungspund  leiteten einige Monate später eine spielerische Revolution ein, die bis 1970 dauerte und Brasilien drei Weltmeistertitel bescherte.

Garrincha heißt ein brasilianischer Urwaldvogel, eine Unterart des Zaunkönigs. Der kleine Manoel dos Santos, genannt Mane, konnte trotz seiner bereits bei der Geburt und einer späteren Kinderlähmung deformierten Beine schönen Fußball mit den anderen Kindern im Urwald von Pau Grande spielen. Weil er auch noch der beste von ihnen war, mit der Gummischleuder die vielen bunten Vögel in den Wäldern zu treffen, nannte man ihn Garrincha, den  Zaunkönig. Und er verzückte später die Nation wie sein Namensträger, aber der Zaunkönig war nun ein Vogel mit majestätischem Flügelschlag.

Garrincha konnte weder lesen noch schreiben und begriff nicht einmal den Modus einer Weltmeisterschaft. Nach jedem Spiel 1958 fragte er, ob jetzt endlich Schluss sei, weil er heim wolle zu seiner Frau und fünf kleinen Mädchen. Das passierte auch nach dem Finale 1962 in Santiago de Chile gegen die Tschechoslowakei (3:1). Er wunderte sich über die Tränen von Vava, Didi oder Gylmar, weil er glaubte, dass die WM im Gruppenmodus ausgetragen würde, jeder gegen jeden. Erst als Kapitän Mauro den Coupe Jules Rimet in den chilenischen Himmel stemmte begriff er, dass Brasilien vor allem dank ihm erneut Weltmeister geworden war. Pele hatte wegen Verletzung nur zwei Vorrundenspiele bestritten. In einer anderen Angelegenheit zeigte er aber Erkenntnisfortschritte. Als Garrincha  in Schweden ein Kofferradio erwarb schenkte er es kurz nach dem Kauf dem Linksaußen Mario Zagalo,  weil er der Ansicht war, aus diesem blöden Gerät komme ausschließlich die ihm unverständliche schwedische Sprache. 1962 war das anders. Nun spielte man in Chile und Masseur Americo hatte die gute Idee, bei Garrincha keine Langeweile aufkommen zu lassen. Er wusste natürlich, dass Garrincha allenfalls einen Bildband  lesen konnte, selbst das Kartenspiel war ihm zu hoch. Da bleiben in einem WM-Quartier nicht mehr viele Optionen des Zeitvertreibs. Americo schenkte seinem Lieblingsspieler das Modell Peggie der Firma Akkord aus Herxheim bei Landau in der Pfalz. Anders als in Schweden kamen aus diesem Transistorradio jedoch vertraute spanische und portugiesische Klänge. Jetzt fühlte er sich wohl.  Im Alltagsgrau dieser WM der Maurer und Klopper tanzte er nun nach der Musik von Peggie und führte die Selecao zur Titelverteidigung.

Wenn ein Trainer in der Taktikbesprechung vor einem Spiel gegen Brasilien einem Spieler den Auftrag erteilte „du nimmst Garrincha in Manndeckung!“ war klar: Dieser Verteidiger ist eine arme Sau.  Er musste nicht nur eine stabile körperliche Persönlichkeit und spielerische Klasse mitbringen, sondern vor allem eine starke Psyche haben, um nach dem Spiel nicht in Depressionen zu verfallen angesichts seiner Knoten in den Beinen, die ihm Garrincha mit sinnverwirrenden Dribblings reingespielt hatte.  Garrincha, der Zaunkönig, stürzte sich wie ein Bussard auf seine bedauernswerten Opfer, die Linksverteidiger. Wie ein Bandit, außerhalb der Gesetze des Spiels. Seine katzenhafte Geschmeidigkeit in Verbindung mit bis dahin völlig unbekannten Bewegungsabläufen in permanenter Schräglage (kürzeres Bein) bei hohem Tempo offenbarten immer wieder, dass es keine reguläre Abwehrwaffe gegen diesen Zauberer gab, ausser ihn zusammen zu treten,  was häufig geschah.  Man konnte das Abwehrverhalten gegen Garrincha nicht trainieren. Vor lauter Spielfreude vergaß der aber zuweilen die Teamkollegen, die taktischen Vorgaben sowieso. Das liebten die Brasilianer an ihm, dieser kindlich-naive Spaß am Fußball. Er wollte seine Gegner nicht demütigen oder der Lächerlichkeit preisgeben, obwohl es oft so schien. Er wollte nur spielen und mit seinen brillanten Blitzaktionen die Gassen öffnen für seine Pässe auf die Vollstrecker in der Mitte.

Mit knallgelben Trikots, kurzen hellblauen Hosen und weißen Stutzen brachte Brasilien zunächst einmal  farbliche Impulse in die Mittsommernächte der WM 1958 in Schweden ein. Seit dem Drama von 1950 in Rio gegen Uruguay (1:2) spielte die Selecao nie wieder in weiß. Und spätestens nach dem 0:0 in der Vorrunde gegen England  zeigten die Brasilianer Fußball von einem anderen Stern. Der Ball lief, wurde meist schnell und direkt weitergeleitet zum nächsten, besserstehenden Zauberkünstler.   Die Gegner wurden völlig überraschend mit der ungewohnten Offensivstrategie  des 4:2:4 Systems konfrontiert, das der Ungar Bela Guttmann als Trainer des FC Sao Paulo in der Saison 1957/58 zusammen mit seinem Sportdirektor Vicente Feola implementiert hatte. Und der dickbäuchige Feola trainierte jetzt die Selecao. Vier Verteidiger, zwei den Angriff vorbereitende Spieler im Mittelfeld, und dann vier Stürmer, die ein Massaker mit dem „Furor brasiliancus“ in den Verteidigungslinien der Gegner verübten.  Am besten kam noch Wales im Viertelfinale weg (1:0). Aber im Halbfinale gegen Frankreich (5:2) und im Finale gegen Schweden (5:2) fielen die Tore wie reife Früchte. Und Garrincha war der Vorbereiter mit 70 Prozent der Vorlagen, die Vollstrecker waren Vava, Pele, dirigiert von Didi und Zito.  Welch schöne Namen, die man sich auch noch leicht merken kann. Die deutschen Weltmeister von 1974 nannten sich Hölzenbein, Grabowski, Schwarzenbeck oder Beckenbauer. Eher furchterregend. Egal! Sie wurden auch Weltmeister. Vielleicht wegen ihrer Namen. Da bekommst du Ängste!

Und dann kam die Weltmeisterschaft 1962 in Chile. Seit dem Titelgewinn in Schweden  hatten die meisten Spieler Brasiliens  eine vierjährige  Heldenverehrung hinter sich. Das kann abträglich sein und den Hunger auf Titel beeinträchtigen. Zu Beginn des Turniers  tat sich die Selecao schwer, weil sie als Titelverteidiger keine Qualifikation spielen mußte und somit nicht das richtige Gefühl für die Spielstärke der anderen teilnehmenden Mannschaften hatte. Und dann wurde Pele bereits in der Vorrunde gegen die Tschechoslowakei schwer verletzt und konnte bei dieser WM kein Spiel mehr bestreiten. Trotzdem erreichte  Brasilien  mit acht  „Alten“ von 1958 das Finale gegen die Tschechoslowakei am 17. Juni 1962 in Santiago de Chile. In einem Kaffehaus auf der Alameda de Santiago de Chile sassen zwei brillante Reporter zusammen: Hans Blickensdörfer und sein brasilianischer Kollege Laurence. Der beschieb das Horrorszenario für die damals rund 100 Millionen Einwohner Brasiliens. „Wenn die Alten das Endspiel morgen verlieren sollten, nimmt von ihnen zu Hause in Rio kein Hund mehr ein Stück Wurst. Begeisterung und Grausamkeit liegen in Brasilien sehr nahe zusammen, wenn es um Fußball geht.“

Weltmeister 1962: Brasilien

v.l.stehend: Djalma Santos, Zito, Gylmar, Zozimo, Nilton Santos, Mauro v.l. kniend: Garrincha, Didi, Vava, Amarildo, Zagalo

Quello Foto: www1.

Das brasilianische Parlament hatte schon Tage zuvor die Arbeit eingestellt, die Ärzte verschoben mit dem Einverständnis ihrer Patienten, die das Endspiel ja noch erleben wollten, die möglicherweise gefährliche Operation. Es ist doch schöner mit dem Weltmeistertitel in den Himmel zu fahren. Und die Taxifahrer in Rio de Janeiro sahen angesichts ausbleibender Kunden der Insolvenz sehr gelassen entgegen. Hauptsache wieder Weltmeister werden, mit „jogo bonito“, dem schönen Spiel. Garrincha war der entscheidene Mann im Spiel der Brasilianer. Aber es war der letzte Höhenflug des Zaunkönigs.  Brasilien gewann erneut den „Coupe Jules Rimet“ mit 3:1. Nach ein paar Tagen  nahmen Parlament, Ärzte und Taxifahrer in Rio und und Sao Paulo höchst euphorisiert die Arbeit wieder auf. Insolvenz hin oder her!

Die folgenden Jahre waren für alle Spieler dieser goldenen Generation Brasiliens erneut ein Leben unter unerhörtem Erwartungsdruck der Nation. Die beiden Spieler, die es am meisten zu spüren bekamen, waren Pele und Garrincha. Ersterer wurde bewundert, der zweite vergöttert. Und dann rückte die WM 1966 in England immer näher. Die Erwartungshaltung in Brasilien: Natürlich wieder Weltmeister werden. Aber die Erde dreht sich. Die Selecao schied  in der Vorrunde aus, mit einem 1:3 gegen Ungarn. Pele war in den Spielen gegen Portugal und Bulgarien erneut wie 1962 zusammengetreten worden. Das Herz und die Seele des brasilianischen Spiels war verloren gegangen. Und Garrincha, der 1966 wie Pele seine dritte WM spielte, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Manchmal weckte er dank seines Ballgefühls noch die Illusion, dass der Hexentanz am rechten Flügel Brasiliens wie in alten Zeiten beginnen würde. Aber dann blieb er hilflos hängen in Dribblings, die er früher mit zusammengebundenen  Beinen gewonnen hätte.

Als Garrincha seine Karriere in der Selecao nach der WM 1966 beendete verfiel Brasilien in eine tiefe Depression. „Wir hatten das Lachen verlernt. In dieser Zeit lebten wir verwaist und verlassen. Ohne seinen dynamischen, akrobatischen, dionysischen Fußball waren wir 80 Millionen Waisen. Er hatte dieses entwaffnende Gemüt eines Kindes,  das mit seiner Steinschleuder Zaunkönige abschiesst und in seiner grenzenlosen Herzlichkeit im Dorf sogar die Hunde grüßt. Wir sind alle Opfer unseres Verstandes. Garrincha dagegen hat nie nachdenken müssen. Garrincha dachte nicht, bei ihm lief alles über den Instinkt.“ (Nelson Rodrigues)

Langsam schlich sich die Arthrose in seine deformierten Beine und die Menisken begannen zu streiken. Aber der Zaunkönig musste weiter spielen, um die Dollars für sich und die Vereinskassen  hereinzuholen. Die Cluboberen kannten keine Gnade, auch wenn Garrincha immer öfter vor Schmerzen stöhnend und humpelnd in die Umkleidekabine ging. Garrincha, der bunte Vogel, hatte nach der WM 1966 kein Nest mehr und flog nach dem Ende seiner Fußballerkarriere 1973 mit müdem Flügelschlag zurück in die Wälder, aus denen er einst gekommen war, um die Fußballwelt in Verzückung  zu setzen. Im Maracana gab er ein paar Tage vorher seine Abschiedsvorstellung. „Als er in einer Kurve des Stadions ein  „Ole!“ anstimmte, einsam und vollkommen wie ein Schwanengesang, da klatschte sogar die Inflation Beifall. Und wir Brasilianer fühlten uns fast allmächtig“. (Nelson Rodrigues)

Dann ging es mit Garrincha bergab. Der Zaunkönig, der lange Jahre ein Ikarus war, stürzte ins Bodenlose. Die Sonne liess das Wachs seiner Flügel schmelzen. Sein Privatleben war eine einzige Katastrophe. Der Liebling der Massen verfiel immer stärker dem Alkohol, Verehrung wich der Bestürzung. Noch mehr Frauen, Schmerzen, Betäubungsmittel jedweder Art. Nichts erinnerte mehr an die unvergleichlingen Dribblings, Flanken und Torschüsse. Und er konnte den Frauen, denen er immer noch hinterher stelzte,  keine Lust mehr schenken. Mit Geld umzugehen hatte er ohnehin nie gelernt. Bettelarm soff er sich zu Tode und starb mit nicht einmal 50 Jahren.

„Garrincha hat dem großen Spiel etwas gegeben, was wir vielleicht nie mehr erleben werden. All das, was man nicht lernen kann, besaß er in solcher Fülle, dass er dem verhängnisvollen Trugschluss erlag, nie etwas lernen zu müssen. Und als die Kraft aus seinen Beinen wich, da stürzte Manoel dos Santos tiefer als alle anderen von der zerbrechlichen Ruhmesleiter des Sports. Wie beim Sturz der bunten  Garrinchas, die, ohne zu begreifen warum, jäh im Flug von den Schleudern der Buben im Urwald von Pau Grande getroffen wurden“. (Hans Blickensdörfer).

Auf dem Friedhof von Pau Grande gibt es ein Grab und einen Obelisken, ungefähr 200 Meter voneinander entfernt, beide mit dem Namen Garrincha beschriftet. Aber der  Leichnam fehlt. Nach Aussagen seines Cousins Joao Rogoginsky wurde das Grab 2007 geöffnet, um ein weiteres Familienmitglied zu bestatten. Dabei verschwanden die sterblichen Überreste von Garrincha, wohin auch immer. Der Zaunkönig hat wohl seinen Käfig verlassen und ist in den Urwald zurückgekehrt, da wo alles begann.

Grabstätte von Garrincha: Pau Grande Mage, Cemetereo Raiz da Serra

Quelle Foto: Marca.com

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