Bernhard „Bert“ Trautmann 

„Traut, the Kraut“

Biografie
Geboren am 22. Oktober 1923 in Bremen-Walle
Gestorben am 19. Juli 2013 in La Llosa (Spanien)
Grabstätte: Seebestattung im Mittelmeer
Stationen der Karriere als Fußballer
Vereine: St. Helens Town AFC(1948-1949)
Manchester City (1949-1964)
Wellington Town (1964)
FA-Cupsieger 1956
Fußballer des Jahres 1956 in England
508 Ligaspiele für Manchester City
Stationen der Karriere als Trainer
Stockport County (1965-1966)
Preußen Münster (1967 -1968)
Opel Rüsselsheim (1968-1969)
Myanmar ((1972-1974)
Tansania (1974-1975)
Liberia (1978-1980)
Pakistan (1980-1983)
Nordjemen (1984-1988)

Gelegentlich halten Fußballer die Knochen hin, dass es kracht oder langen selbst so hin, dass die Fetzen fliegen.  Lieber einen  Beinbruch als einen  Spielabbruch.  Vinnie Jones, genannt die „Axt“, war in der Premier League das Musterbeispiel für heroischen körperlichen Einsatz.  Und dann gab es noch den „Schlächter von Bilbao“, Andoni Goikoetxea, der seine Kernkompetenz darin sah, prominenten Gegnern das Knie zu zertrümmern. Bernd Schuster und Diego Maradona können ein Lied davon singen. „Ich spürte den Schlag, ich hörte das Geräusch wie das eines Holzes, das bricht“ schrieb Maradona später in seiner Biographie. Aber auch Torhüter riskieren gelegentlich  Kopf und Kragen, wenn sie sich dem Angreifer entgegenwerfen.  Wie Toni Schumacher gegen Patrick Battiston im WM-Halbfinale 1982 Deutschland-Frankreich in Sevilla. Die Jacketkronen für Battiston hat Schumacher noch immer nicht bezahlt.

In diese „Hall of Fame der Schlächter und Betroffenen“  gehört  zwangsläufig  Bert Trautmann aus Bremen.  In der 73. Minute des Finales um den FA-Cup  am 5. Mai 1956 im Londoner Wembley-Stadion zwischen Manchester City und Birmingham City (3:1)  kollidierte Trautmann mit Kopf, Kragen und Schulter  mit dem Bein von Birminghams Angreifer Peter Murphy. Minutenlang lag der Keeper  regungslos auf dem Rasen. Riechsalz wurde herbeigeschafft.  Voller Adrenalin rappelte er sich auf, spielte weiter, brach aber in der Folge noch zweimal kurz zusammen. Es durfte damals noch nicht ausgewechselt werden. Und Trautmann hielt  bis zum Schlusspfiff durch. Mit gebrochenem zweiten Halswirbel, quasi dem Genick. Daraus lassen sich Legenden stricken.

Trautmann und Murphy beim Zusammenprall am 5. Mai 1956 im FA-Cup Finale
Manchester City-Birmingham City (3:1)

Queen Elizabeth II fragte bei der Pokal-und Medaillenübergabe den mit schiefem Kopf vor ihr stehenden Trautmann besorgt: “ Are you hurt“?  Trautmann: „Not so bad, Majesty.“ Was hätte er auch sagen sollen? „Majesty. My neck is broken“.  Aus dem Hintergrund  bemerkte Prinz Philip, der Herzog von Edinburgh:“ Ein großartiges Finale“. Der Prinzgemahl hatte keine Ahnung von Fußball. Kronprinz Charles war nicht anwesend, sondern spielte noch mit seiner Nurse auf Schloss Windsor.

Trautmann später: „Der zweite Halswirbel war diagonal durchgebrochen. Der dritte Wirbel drängte den zweiten nach oben. Ich hätte gelähmt oder tot sein können“. Unwissenheit macht zuversichtlich! Wie in Trance warf sich der schwer verletzte Trautmann vor die Füße der weiter anstürmenden Gegner, die seine Beeinträchtigung erkannt hatten und rettete Manchester City den Sieg. Ein  Ausdruck von Willenskraft und Mannhaftigkeit. Ein echter Kerl mit Kühlschrankkörper. Teutonisch halt. Das finden die Engländer gar nicht so schlecht. Es liegt ihnen auch. Wie sagte schon der Kabarettist Gerhard Polt: „ Die Engländer san zach“. An diese letzte Viertelstunde konnte Trautmann sich später nicht mehr erinnern.  Erst eine Minute vor Schluss dämmerte ihm, dass das  Spiel noch lief. Nach dem Schlusspfiff nahmen ihn zwei Mitspieler unter die Arme und führten ihn zur Mitte des Spielfeldes und sagten: „City hat gewonnen“. Und dann hatte er seine Begegnung mit der Queen. Mit querliegenden  Kopf. Mehr geht nicht.  Einhundertzweiundsechzig Tage nach dem Finale trainierte Trautmann zum ersten mal wieder und erkannte seine physischen und psychischen Defizite als Folge der schweren Verletzung. „Ich musste gegen Komplexe ankämpfen, mein Reaktionsvermögen wiederfinden und meine Zweifel besiegen. Würde ich jemals wieder den Mut aufbringen, mich dem Ball entgegenzuwerfen, der schussbereit vor den Füßen eines Stürmers liegt?“

Am 1. Februar 1958, eineinhalb Jahre nach seiner schweren Verletzung, hatte er seine alte Form wiedergefunden. Im Spiel gegen West Bromwich Albion hielt er hervorragend. „Mein Selbstvertrauen war wieder da und es  schien, als wirkten meine Hände auf die Bälle wie ein Magnet“.

Nur selten wurde deutschen Fußballern die Ehre zuteil, in einer der europäischen Top-Ligen zum Fußballer des Jahres gewählt zu werden. Sieht man von  Steffen Hofmann und Alexander Zickler in Österreich, Jörg Albertz in China und Thomas Broich in Australien ab, waren es insgesamt nur vier. Je zweimal in England (Bert Trautmann 1956 und Jürgen Klinsmann 1995) und zweimal in Italien (Helmut Haller 1964 und Andy Brehme 1989).

Legionäre: So nannte man in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit die Fußballer, die in einem anderen Land ihr Geld verdienten. Das  war nicht schmeichelhaft gemeint, eher abschätzig. Bundestrainer Sepp Herberger konnte in den 50er oder 60er Jahren überhaupt nichts mit den Top-Spielern anfangen, die ins Ausland gingen, vor allem nach Italien.  Sie bekamen keine Einladungen mehr  von ihm. Auch Trautmann nicht, einer der  besten europäischen Torhüter der 50er Jahre. „Ich war sogar bei  ihm zuhause“, erzählte Trautmann. Für die WM 1954 nominierte Herberger aber  die Torhüter Toni Turek von Fortuna Düsseldorf, Heinz Kwiatkowski von Borussia Dortmund und Heinz Kubsch vom FK Pirmasens. Das waren damals keine Top-Mannschaften.

Bei Bert Trautmann hätte er eine Ausnahme machen können. Denn der war unfreiwillig in England gelandet. Kurz vor Kriegsende geriet er in Norddeutschland als 21jähriger Fallschirmjäger in britische Gefangenschaft. Mit einem Gefangenentransportschiff kam er aus Ostende bei undurchdringlichem Nebel in London an und musste mit einem endlosen Kolonne zerlumpter deutscher Soldaten mit gesenkten Köpfen entlang des Themse-Kais in ein Zwischenlager im Kempton-Park nahe London marschieren. Trautmann: „Wer hätte damals gedacht, dass ich elf Jahre später Englands Fußballer des Jahres werden würde“? Über Zwischenstationen landete er dann im  „Prisoner of War“ Camp 50 in Ashton-in -Makerfield, zehn Kilometer von Manchester entfernt. Dort blieb er drei Jahre lang.  Hinter Stacheldraht durfte gelegentlich Fußball gespielt werden und den englischen Bewachern blieb sein  Talent nicht verborgen. Es entwickelten sich Kontakte zu Fußballern und Funktionären. Im März 1948 öffneten sich die Tore des Kriegsgefangenen-Lagers. Bert Trautmann war nun ein freier Mann, aber wusste nicht, was er tun sollte. Zurück in das kriegszerstörte, hungernde und frierende Deutschland? Zu seinen Eltern nach Bremen? Nein! Er verdingte sich als Helfer auf einem Bauernhof. Aber zwischen Kühen, Schweinen und Schafen überkam ihn bald mehr und mehr die Sehnsucht, wieder Fußball spielen zu können.

 Die Angebote einiger Fußballvereine erschienen ihm  verlockender  als die Rückkehr nach Deutschland  oder die Karriere des Zigeunerbarons von Johann Strauß: „ Borstenvieh und Schweinespeck, das ist mein ganzer Lebenszweck“. Er landete beim  Amateurverein St. Helens Town. Das Salär reichte zum Überleben. Und er lernte die Tochter des Klubsekretärs kennen, Margaret Friar, die Ihrem Vater zuvor  unmissverständlich erklärt hatte: “ Wenn dieser Deutsche ins Haus kommt, dann gehe ich“. Zwei Jahre später heirateten Bert und Margaret. Wie Frauen halt so sind. Konsequent.

1949 drückten ihm die Offiziellen des Clubs 50 Pfund in die Hand. „Nimm das für die Reise und kauf deinen Eltern etwas Nettes“. Er hatte Vater und Mutter seit sechs Jahren nicht mehr gesehen. Nach seiner Rückkehr kam das Angebot von Manchester City, dem damals führenden Verein in dieser Industrie-Metropole im Norden Englands. Der Club brauchte einen Nachfolger für den legendären Keeper Frank Swift.

Willkommensgrüße für den „Kraut“ gab es im Stadion an der Maine Road, der alten Arena der „Skyblues“, nicht. Mit Rufen wie „ Kriegsverbrecher“ oder „was soll der Nazi auf dem Platz“ empfingen ihn die Fans. Manuel Neuer wurde bei seinem ersten Spiel für den FC Bayern 2011 auch nicht sehr gastfreundlich in der Südkurve empfangen. „Koan Neuer“ schrien die Fans. Kindergeburtstag verglichen mit dem, was Bert Trautmann von den Rängen entgegenschallte. Es war sein  erstes  Spiel im Tor von Manchester City am 10. September 1949 gegen Fulham. Endergebnis 2:0. Trautmann erinnert sich.“ Ich wollte den Leuten zeigen, dass ich ein guter Torwart und ein guter Deutscher war. Es lief gut an diesem Tag. Ich werde die Standing Ovation nie vergessen“. Damit war die antideutsche Stimmung im Stadion umgeschlagen. Und der Clubvorsitzende Robert Smith hatte vorher unmissverständlich formuliert.“ Wir müssen uns an die Realitäten halten und können keinen Ressentiments nachgeben. Wenn die USA den Super-Nazi Wernher von Braun wenige Monate nach Kriegsschluss bereits zum amerikanischen Staatsbürger machen, warum soll dann nicht vier Jahre  später  ein simpler Oberjäger der Wehrmacht bei Manchester City das Tor hüten dürfen? Wernher von Brauns V-Raketen haben wir zu spüren bekommen, Bert Trautmann war nur einer der Millionen, die, wie alle Soldaten, marschieren mussten. Er hat sicherlich nicht viel Unheil anrichten können“.

Es gibt immer wieder Fußballer, die in einer fremden Stadt ins Herz geschlossen werden. Petar Radenkovic in München, Eric Cantona in Manchester, Diego Maradona in Neapel, Messi  in Barcelona.  Die Verehrung von Bert Trautmann in Manchester war und ist aber etwas Besonderes. Er machte 508 Ligaspiele für die „Citizens“, bis zu seinem 41. Lebensjahr. Und das erfolgreiche Weiterspielen mit schwerster Verletzung an jenem 5. Mai 1956 erhob ihn zur lebenden Legende, auch über seinen Tod hinaus.

In Deutschland nahm man nicht viel von ihm wahr, allenfalls Randnotizen. Man war mit den „Helden von Bern“  beschäftigt und England war weit weg. Es gab noch keine Fernsehübertragungen aus dem Mutterland des Fußballs, kein Sky oder DAZN. Das kann eine Rolle bei Herberger’s Entscheidung gespielt haben, ihn nie zu einem Länderspiel einzuladen.

Im Jahre 2004 zeichnete Queen Elizabeth II Bert Trautmann mit dem „Order of the  British Empire“ aus. Aus dem Kriegsgefangenen „Kraut“ wurde ein englischer Sir. 1997 erhielt er das Bundesverdienstkreuz von Bundespräsident Roman Herzog  und wurde allmählich auch in Deutschland medial gewürdigt. Mancher Ordensträger handelt nach der Maxime:“ Ich bin lieber da, wo Orden verliehen werden als da, wo sie verdient werden“. Bert Trautmann, „the Kraut“, hatte sich seine Orden wahrlich verdient!

Trautmanns Trainerstationen mögen Menschen interessieren, die gern mit „Studiosus Reisen“ die Welt erkunden. Viel bedeutsamer ist seine Biographie als Soldat und insbesondere als Fußballer. Sie kam am 14. März 2019 mit dem deutsch-britischen Spielfilm „The Keeper“ in die deutschen und englischen Kinos. Der Regisseur Marcus H. Rosenmüller hatte die Geschichte „Bert“ Trautmanns in den 40er und 50er Jahren sehr zeitgerecht und emotional packend verfilmt. Bert Trautmann wäre auf diese späte Würdigung stolz gewesen.

 „Ich habe ein schönes Leben gehabt“ resümierte er anlässlich seines 70. Geburtstages, „denn eigentlich müsste ich längst tot oder gelähmt sein“.

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