Eusebio da Silva Ferreira

Der schwarze Panther

Biografie
Geboren am: 25. Januar 1942 in Lourenco Marques,
Portugiesisch Ostafrika
Gestorben am: 5. Januar 2014 in Lissabon
Grabstätte: Kirche Santa Egracia, Lissabon;
Panteo Nacional
Campo de Santa Clara
Stationen der Karriere als Fußballer
Position: Mittelstürmer
Vereine: Lourenco Marques (1957-1960)
Benfica Lissabon (1960-6/1975)
Boston Minutemen (6/1975-8/1975)
CF Monterrey (9/1975- 3/1976)
Toronto Metros (4-8/1976)
SC Beira Mar (9/1976 -4/1977)
Las Vegas Quicksilvers (4-8/1977)
Uniao de Tomar (9/1977-3/1978)
New Jersey Americans (4-8/1978)
Buffalo Stallions (1979-1980)
Europapokal der Landesmeister 1962
Fußballer Europas 1965
64 Länderspiele für Portugal, 41 Tore
WM Torschützenkönig 1966
11x portugiesischer Meister
US Meister 1976

Im Sommer 1960 saßen zwei Männer in einem Frisiersalon in Lissabon. Es war sehr heiß. Einer der Kunden war Bela Guttmann, seit einem Jahr Trainer von Benfica Lissabon, und der andere  sein Nachfolger als Trainer  des  FC Sao Paulo in Brasilien.  Unbekannt heutzutage. Und der Unbekannte schwärmte plötzlich von einem Fußballtalent in Mosambik, das er vor kurzem dort gesehen habe. Er schwärmte nicht nur, er lobte, er pries, er redete sich so in Ekstase, dass ihm der Friseur fast die Ohrläppchen abschnitt. Bela Guttmann war elektrisiert und landete eine Woche später in Lourenco Marques, um dieses Talent  zu beobachten. Das Subjekt  der Beobachtung stammte aus einem schmutzigen Stadtviertel der heutigen Stadt Maputo, dessen Vater  starb, als er fünf Jahre alt war. Die Mutter musste nun die neun Kinder ernähren und großziehen.  Das „Gute Kita-Gesetz“ war damals in diesen Regionen noch sehr fern beziehungsweise unbekannt.  Guttmann erkannte sofort die fußballerischen Fähigkeiten des  18jährigen und ließ am nächsten Tag ein Flugticket nach Lissabon auf den Namen Eusebio da Silva Ferreira ausstellen. Es war gleichsam eine Art Entführung, denn der Rivale Sporting Lissabon hatte ein Vorkaufsrecht, da dieser Eusebio in deren Farmteam in Lourenco Marques spielte. Ärger stand bevor. Guttmann versteckte den Jungspund unter dem Tarnnamen „Ruth Malosso“ in einem windigen Hotel des  Fischerdorfes Lagos an der Meia Praia der Südküste Portugals, bis ein Gericht die Rechtmäßigkeit des Vertrages bestätigte. Das befeuerte natürlich die Rivalität der beiden Hauptstadt-Clubs, bis heute.

Dieser Eusebio da Silva Ferreira bestritt zwei Spiele, die in die Geschichtsbücher des Weltfußballs gehören. Und er war der Matchwinner, weil er beide wichtigen Spiele nach bedrohlichen Rückständen allein gedreht hat. Das erste Spiel fand am 2. Mai 1962 im alten Olympiastadion von  Amsterdam statt. Es regnete unaufhörlich. Benfica Lissabon traf auf Real Madrid, um seinen im Vorjahr gewonnenen Titel als Europapokalsieger der Landesmeister zu verteidigen. Es war ein besonderes Finale, wie ein Revanchekampf unter Schwergewichts-Weltmeistern. Der eine Weltmeister, verkörpert durch Real Madrid, wollte den Gürtel zurück, den er im Vorjahr gegen den  FC Barcelona bereits im Achtelfinale verloren hatte. Der Pokal blieb 1961 aber nicht in Spanien. Die siegreichen, in Madrid verhassten Katalanen unterlagen  im Finale im Berner Wankdorfstadion trotz ihrer Weltklasse-Offensive (Zoltan Czibor, Sandor Kocsis, Laszlo Kubala, Luis Suarez)  gegen das recht unbekannte Team von Benfica Lissabon mit 2:3.  Eusebio durfte noch nicht spielen, weil er noch ein Spielball in der Auseinandersetzung von Benfica und Sporting um seine künftige Vereinszugehörigkeit war.

 Im alten Olympiastadion von Amsterdam sollte am 2. Mai 1962 die alte Weltordnung wieder hergestellt werden. Real Madrid wollte den Cup nach fünf Titeln von 1956 bis 1960 wieder zurück, dahin, wo er nach ihrem Selbstverständnis gehörte. In die Vitrinen-Abteilung des Estadio Santiago Bernabeu. Zunächst überrollte das „weiße Ballett“  mit Di Stefano, Puskas und Gento die junge Mannschaft von Benfica, die zur Halbzeit dank dreier Tore von Ferenc Puskas mit 2:3 zurücklag. Wer sollte die Offensivkraft der Madrilenen bremsen? Es war die Nacht der langen Schüsse. Vier Tore fielen aus der Distanz. Nach der Halbzeit  ging dann der Stern von Eusebio auf. Trainer Bela Guttmann hatte erkannt, dass die Gefahr für Benfica weniger  von Puskas ausging. Er musste Di Stefano als Lieferant genialer Pässe auf Puskas aus dem Spiel nehmen. Cavem nahm Di Stefano in volle Manndeckung und schaltete ihn aus. Puskas verhungerte. Binnen fünfundzwanzig Minuten entschied Benfica das Spiel dank Eusebio.

Auf den Schultern der begeisterten portugiesischen Zuschauer, ohne Hemd und ohne Stutzen, wollte man ihm auch noch die Hose entreißen. Aber das wehrte Eusebio heldenhaft ab. „Nicht was du denkst, Franz“, sagte er einmal zu Beckenbauer.“ Es  war etwas viel Wichtigeres. Di Stefano hat mir nach dem Spiel sein Trikot geschenkt. Ich habe es mir in die Hose gestopft.“

Die Nacht von Amsterdam war  der Beginn seiner Weltkarriere und er wurde der erste Weltstar des Fußballs, der direkt aus Afrika stammte und in Europa spielte.  Es dauerte 29 Jahre, bis wieder ein Afrikaner Europas Fußballer des Jahres wurde, 1995. Das war George Weah aus Liberia, der damals für den AC Mailand spielte.  Er wurde im gleichen Jahr geboren, 1965,  als man  Eusebio zum Fußballer Europas wählte.  Seit  2018 ist Weah übrigens Präsident Liberias.

Quelle Foto: thesefootballtimes.com

Das zweite große Spiel Eusebios  fand am 23. Juli 1966 bei der WM in England in Liverpools Goodison Park, der Heimstätte des  FC Everton statt, im Viertelfinale gegen Nordkorea, das  gerade sensationell die Italiener aus dem Turnier geworfen hatten. Seung Zin Pak, Dong Woon Lee und Seung Kook Yang brachten  Nordkorea bis zur Halbzeit mit 3:0 in Führung.  Und das gegen Portugal, gespickt mit Weltklassespielern, vor allem mit denen von Benfica. Und es kam wieder die Stunde von Eusebio. Er drehte das Spiel mit vier Toren und das Ergebnis war ein erneutes 5:3.

Für jüngere Leser. Seit 2008 dominieren  Christiano Ronaldo und Lionel Messi   die jährliche Wahl zum besten Weltfußballer, dem Ballon d’Or der FIFA.  Ausnahmen sind Luca Modric (2018) und Robert Lewandowski (2020). Wenn es den „Ballon d’Or“ in den 60er Jahren  schon gegeben hätte, wären Pele  und Eusebio die Seriensieger gewesen. Sie waren die Besten dieser Dekade. Bobby Charlton, George Best, Florian Albert oder Gianni Rivera mögen es verzeihen. Sie waren großartige Fußballer Europas, aber sie hatten nicht die Brillanz von Pele und Eusebio. Elek Schwartz, nach Bela Guttmann Trainer Eusebios bei Benfica zog einen Vergleich: „Beide haben übergroßes Talent, beide verfügen über enorme spielerische Intelligenz. Das ist aber auch ungefähr alles, was sie gemeinsam haben.  Peles Stärken sind das Kopfballspiel und er spielt kompakter. Eusebio ist feingliedriger, beidfüßig und blitzschnell“.

Eusebios  Sprintantritte und Ballkontakte sahen aus wie die Fortsetzung einer harmonischen Bewegung ohne Anfang und Ende. Unerhörte Schnelligkeit. Dazu drahtig, ballsicher und extrem schussstark. Er war einer jener Menschen, die der liebe Gott schon im Mutterleib mit mehr Talent beglückte, als es handelsübliche Zweitligamannschaften der Gegenwart in der Summe aufzuweisen vermögen.

Pele und Eusebio
Quelle Foto: Tagesanzeiger.de

Peles und Eusebios Vorfahren kamen vom gleichen Kontinent. Aber ihre Lebenswege waren gänzlich anders. Pele, bei der Geburt  Edson Arantes do Nascimento genannt,  war ein Nachfahre von Sklaven, die von portugiesischen Händlern unter menschenunwürdigen Umständen nach Brasilien verfrachtet worden waren. Eusebio hingegen kam als portugiesischer Staatsbürger 1960 aus Mosambik nach Portugal.

Aber es  gab bereits vorher viele hochhbegabte Spieler mit afrikanischen Wurzeln, die sich in das Rampenlicht des Weltfußballs gespielt hatten: Leonidas, Torschützenkönig der WM in Frankreich 1938 oder Jose Leandro Andrade aus Uruguay, Weltmeister von 1930. Die große Zeit der brasilianischen Fußballer mit afrikanischen Roots begann so richtig mit der  WM 1958, als  Brasilien in Schweden Weltmeister wurde. Pele, Garrincha, Didi, Vava, Djalma Santos  waren die Vorläufer großartiger schwarzer Spieler, die ab den  90er Jahren die Top-Teams in Europa bereicherten und Weltfußballer wurden.   Romario (1994), Ronaldo (1996, 1997,2002), Rivaldo (1999)  oder Ronaldinho (2004, 2005). Vielleicht auch einmal Neymar. Aber dann sollte er Paris Saint Germain bald verlassen. Alle diese Weltklassespieler eint etwas Besonderes. In der ersten und für lange Zeit größten erzwungenen Migration der Weltgeschichte waren ihre Vorfahren als Sklaven nach Südamerika verschifft worden.

Ab 1600 dominierten englische, portugiesische, französische, spanische und niederländische Unternehmen den Sklavenhandel mit Lateinamerika, den karibischen Inseln (Jamaica, Haiti, Kuba) und später mit den Vereinigten Staaten.  Brasiliens Goldminen, die Zuckerindustrie der Karibik, die Baumwollplantagen in den südlichen US-Staaten waren die Ziele der Verschiffung. Diese räuberische Verschleppung und Versklavung begann nicht aus rassistischen Gründen, sondern aus Gewinnstreben. Und sie endete erst im 19. Jahrhundert. Die europäischen Handelsnationen, die über die Transportkapazitäten per Schiff verfügten, begründeten ihre merkantilen Aktivitäten mit der  vermeintlichen intellektuellen und kulturellen Unterlegenheit der Entführten. Gott sei Dank hatte Deutschland damals keine maritimen Ambitionen. 

Zwischen 1492, der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus, und 1820 brachten die Schiffe fünfmal mehr afrikanische Sklaven als europäische Auswanderer in die Neue Welt. Man schätzt, dass von den rund 12 Millionen Afrikanern, die zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert unter schlimmsten Bedingungen auf die Plantagen der Neuen Welt verbracht wurden, ein Drittel in Brasilien versklavt wurde. Brasilien war der größte Sklavenmarkt der Welt. Erst 1888, sechsundsechzig  Jahre nach der Unabhängigkeit, wurde dort die Sklaverei abgeschafft.

Salvador de Bahia, Brasiliens drittgrößte Stadt, war und ist das unbestrittene afrikanische Herz des Landes. Hier landete die Mehrzahl der  Sklaven, im Laufe der Jahrhunderte waren es viele  Millionen. Am 16. Juni 2014 spielte Deutschland in der Gruppenphase der WM in Brasilien gegen Portugal in Salvador de Bahia und gewann unter den Augen von Bundeskanzlerin Angela Merkel  mit 4:0. Ob die deutschen Delegationen oder Fans  gewusst haben, welches Elend dort über Hunderte von Jahren  anlandete?  Die portugiesischen Gäste und Fans vielleicht.  Ob Pele jemals Ahnenforschung betrieben hat?  Woher kamen seine Vorfahren auf den Schiffen portugiesischer Sklavenhändler nach Brasilien?  Aus Ghana? Kongo? Gabun? Jedenfalls nicht aus Mosambik am Indischen Ozean.  Das war zu weit weg von den Häfen der Sklavenverschiffung an der Westküste Afrikas. Schlimme Zeiten.

Zurück zu Eusebios Karriere in Portugal. Nach der gerichtlichen Auseinandersetzung erhielt Benfica den Zuschlag, und Eusebio debütierte mit einem Hattrick am 23. Mai 1961 im Spiel gegen Atletico Clube de Portugal. Dagegen mißglückte sein erstes Spiel im  Nationalteam am 8. Oktober 1961. Es war  ein WM-Qualifikationsspiel vor 6000 Zuschauern im „Stade Emile Mayrisch“ in Esch sur  Alzette gegen Luxemburg und endete als „Malheur de Luxemburg“.  Portugal verlor 2:4 und ein gewisser Ady Schmit von Fola Esch erzielte drei Tore für Luxemburg.  In Portugals Team standen viele Spieler von Benfica, die ein paar Monate zuvor den Europapokal der Landesmeister in Bern gegen den CF Barcelona gewonnen hatte. Wie sagte schon Sepp Herberger: „ Der Ball ist rund“. Portugal  verpasste  durch diese Niederlage die Qualifikation  für die WM in Chile 1962. Aber vier Jahre später wurde Portugal dank eines überragenden Eusebio bei der WM 1966 in England nach einem etwas unglücklichen 1:2 im Halbfinale gegen den Gastgeber Dritter der WM. Und Eusebio erzielte 9 Tore und war damit Torschützenkönig dieser WM. Wie sagte schon Herberger: „Der Ball ist rund“.

Einen seiner aufregendsten Tage als Fußballer erlebte Eusebio  rund drei Jahre vorher, am 23. Oktober 1963. Die FIFA hatte ein Spiel in Wembley zum 100jährigen Bestehen des englischen Fußballverbandes organisiert. England gegen den „Rest der Welt“. Sehr arrogant, diese Engländer, die bis dahin mit ihrer Nationalmannschaft noch keinen einzigen internationalen Titel gewonnen hatten. Es wurden 16 Spieler in die Weltauswahl berufen. Eusebio war dabei und durfte in einem mondänen Hotel in London mit Djalma Santos, dem zweimaligen Weltmeister aus  Brasilien (1958 und 1962) ein Zimmer teilen. Es soll sehr  lustig gewesen sein, da beide portugiesisch sprachen. Sagte Eusebio.

„In den Sekunden vor dem Anpfiff war ich von Unruhe und Besorgnis erfüllt. Außer den 100.000 im Stadion anwesenden Zuschauern verfolgten weitere 250 Millionen Fernsehzuschauer in Europa das Spiel, die größte Zuschauermenge, die bis damals eine Fernsehübertragung hatte“ schrieb Eusebio später in seinen Memoiren. Jetzt wird es interessant. Woraus setzte sich der „Rest der Welt“ zusammen? Im Tor: Lew Jaschin. Verteidigung: Djalma Santos, Karl-Heinz Schnellinger und die beiden Tschechoslowaken Pluskal und Popluhar, die im Vorjahr Vize-Weltmeister geworden waren. Mittelfeld und Offensive: Josef Masopust, Raymond Kopa, Denis Law, Alfredo Di Stefano, Eusebio, Francisco Gento. Auf der Ersatzbank (sic!) saßen Uwe Seeler und Ferenc Puskas. Pele war verletzt.   Eine Sternstunde des Fußballs. Gordon Banks, der englische Torwart sagte nach dem Spiel (2:1 für England): „Eusebio hat mir am meisten zu schaffen gemacht.

Im Alter von bereits 33 Jahren verließ Eusebio Benfica Lissabon in Richtung Nordamerika, um auf seine alten Tage noch etwas Geld zu verdienen. Das Salär bei Benfica war immer gering. Portugal gehörte  während der Diktatur von Antonio de Oliveira Salazar zu den Armenhäusern Europas, trotz der Ausbeutung der Kolonien in Afrika (Angola, Guinea und Mosambik).

Sein Tingel-Tangel  war nicht sehr viel anders als das von George Best. Aber im Gegensatz zu seinem kongenialen Stürmer-Kollegen von Manchester United fand Eusebio nach seiner Rückkehr in Portugal  seine Ruhe und Anerkennung bis zum Lebensende.

Grabstätte von Eusebio da Silva Ferreira: Lissabon
Kirche Santa Egracia; Panteo Nacional; Campo de Santa Clara

Eusebio da Silva Ferreira aus dem Armenviertel von Lourenco Marques  ist in Portugals nationalem Pantheon in Lissabon bestattet. Er war der erste Sportler, der in die portugiesische Ruhmeshalle aufgenommen wurde. Trotz Christiano Ronaldo und Luis Figo wird Eusebio in Portugal  als der fußballerische Nationalheld verehrt. Nachvollziehbar. Er spielte fünfzehn Jahre für Sport Lisboa e Benfica, genannt Benfica Lissabon. Christiano Ronaldo und Luis Figo folgten früh den Verlockungen des großen Geldes hingegen und verließen Portugal, um bei Manchester United, Real Madrid, Juventus Turin, CF Barcelona oder Inter Mailand zu Multi-Millionären zu werden.

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