Mario Jorge Lobo Zagallo
“Der ewige Zagallo“

Geboren am 09.08.1931 in Macaic, Provinz Alagoas
Gestorben am 05.01.2024 in Rio de Janeiro
Grabstätte: Botafogo (RJ); Cemiterio de Sao Joao Batista
Stationen der Karriere als Spieler
Vereine: America FC (RJ) (1948-1949)
Flamengo (RJ) (1950-1958)
Botafogo FR (RJ) 1958-1965)
Weltmeister 1958 und 1962
33 Länderspiele (1958-1964); 5 Tore
Stationen der Karriere als Trainer
Botafogo FR (RJ) Junioren: (1965-1967)
Botafogo FR (1967-1970)
Brasilien (Nationalmannschaft), (1967) und (1970-1974)
Fluminense (RJ) (1971-1972)
Flamengo (RJ) (1972-1974)
Botafogo FR (RJ) (1975)
Kuwait (Nationalmannschaft) (1976-1978)
Botafogo FR (RJ) (1978)
Al-Hilal Al Riad (Saudi-Arabien) 1979
Fluminense (RJ) (1979-1980)
CR Vasco da Gama (RJ) (1980-1981)
Saudi-Arabien (Nationalmannschaft) (1981-1984)
Flamengo FR (RJ) (1984-1985)
Botafogo FR (RJ) (1986-1987)
Bangu AC(RJ) (1988-1989)
Vereinigte Arabische Emirate (Nationalmannschaft) (1989-1990)
CR Vasco da Gama (RJ) (1990-1991)
Brasilien (Nationalmannschaft) Technischer Direktor und Trainer (1994-1998)
Olympiaauswahl Brasilien (1996)
Portuguesa (RJ) (1998-1999)
Flamengo (RJ) (2000-2001)
Brasilien (Nationalmannschaft) (2002) (interim)
Brasilien (Nationalmannschaft) (2003-2006) Technischer Direktor
Weltmeister 1970 als Trainer
Weltmeister 1994 als Technischer Direktor
Vizeweltmeister 1998 als Trainer
Brasilianischer Meister 1986
Saudi-Arabischer Meister 1979
O eterna Zagallo! Der ewige Mario. Sein immerwährendes fußballerisches Leben als Spieler, Trainer, Sportdirektor und ähnliches in den Diensten des brasilianischen Fußballs zu beschreiben animiert, die „Golden Gate Bridge“ von San Francisco sinnbildlich zu verwenden.
Die Brücke ist ein Spannungsbogen über eine der schönsten und gefährlichsten Passagen der amerikanischen Westküste. Der Pazifik strömt in die gewaltige Bay von San Francisco und verursacht gefährliche Strömungen und häufig undurchdringlichen Nebel. Der Blick von Twin Peaks auf die Stadt und die „Golden Gate“ im Hintergrund ist atemberaubend. Die Ingenieure dieses Weltwunders der Moderne hatten Visionen wie Mario Zagallo für seine Seleção: Eine Konstruktion zu schaffen, die über Jahrzehnte Bestand haben soll, sich immer wieder erneuert und fasziniert. Denn: „Rust never sleeps“. Beide Bauwerke, die Golden Gate und die Seleção Brasiliens brauchen gelegentlich ein Facelifting, um den Naturgewalten des Pazifiks einerseits zu widerstehen oder den gewaltigen Erwartungshaltungen der brasilianischen Fußballfans andererseits (das sind rund 210 Millionen Trainer) zu genügen.
Zagallos Leidenschaft für den Fußball war eine Zeitreise durch die Fußballwelt in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Und die war europäisch/südamerikanisch geprägt. Seit mehreren Dekaden ist die afrikanisch/europäische Fußballkunst dazugekommen und bereichert den internationalen Spitzenfußball, mittlerweile auf allen Kontinenten. Zagallo „el Lobo“ war die Konstante in Brasiliens Fußball der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aber er spürte, wie Brasiliens archaischer Fußball und damit auch die Seleção „europäisiert“ wurden. Als er im Jahre 2006 seine vielfältigen, jahrzehntelangen Tätigkeiten für Brasiliens Fußball altersbedingt beendete, zog er ein kritisches Fazit, verbunden mit einer nicht optimistischen Prognose zur Bedeutung des künftigen brasilianischen Fußballs auf internationaler Ebene. Er bemängelte das Zerfleddern und die Ausplünderung des unerschöpflichen Talentreservoirs dieser Nation, die im Fußball ihr Nationalbewusstsein auslebt. Die sich Spielerberater nennenden „Piranhas“, die wie illegale Goldsucher im Amazonas nach ihren Nuggets suchen, zerstörten das natürliche System der Entwicklung junger Talente. Sie setzten den Spielern Flausen in den Kopf, die sie dank der künftig zu verdienenden Millionen in Europa ausleben könnten. Viele Talente aber blieben und bleiben dabei auf der Strecke, werden abgeschoben und gehen dem brasilianischen Fußball verloren. Die Seleção hat seit 2002 nur noch einmal ein Halbfinale einer WM erreicht, und das ging 2014 im eigenen Land krachend verloren. Und die Europäisierung des südamerikanischen Fußballs schreitet fort. Mit Carlo Ancelotti wird erstmals ein europäischer „Treinador“ die Seleção zur WM 2026 führen.
Die Tragödie von Maracana 1950 gegen Uruguay erlebte Mario Zagallo im Stadion. Als 18-jähriger Soldat libanesisch/italienischer Abstammung arbeitete er in der Sicherheits-Organisation. Das Negativ-Erlebnis aller Brasilianer, den als sicher erwarteten ersten WM-Titel Brasiliens kurz vor Spielende aus der Hand zu geben prägte sein späteres fußballerisches Selbstverständnis als Spieler und auch als Trainer. Fast 60 Jahre lang war „el lobo“ der „Spiritus rector“ des brasilianischen Fußballs, ob als Vereinstrainer oder in all seinen Verantwortlichkeiten für die National-Mannschaft, immer begleitet von „Hosianna und kreuzigt ihn“. Die Halbwertzeiten brasilianischer Trainer sind noch halber als die der brasilianischen Präsidenten. Brasilien kennt den Begriff Langzeittrainer nicht, weder im Vereins-Fußball noch bei der Seleção. Die Coaches sind zwangsläufig Wandervögel, aber ihr Abgang ist nicht schmerzhaft. Man muss es sich so vorstellen, dass nach einem beidseitig unterschriebenen Vertragsabschluss gleich ein noch nicht unterschriebener Appendix angehängt ist. Das Entlassungsschreiben.
Ein Trainer ist in den Augen der brasilianischen Fußballfans ein Spielverderber. Um des Sieges willen zwängt er Samba tanzende Spieler in ein taktisches Korsett. Wie kann er den Virtuosen nur Handschellen oder Fußfesseln anlegen? Auch wenn ein Titel geholt wird. Nachrangig, wenn nicht das „jogo bonito“ praktiziert wird. Und wehe, wenn das schöne Spiel nicht den Weltmeistertitel bringt so wie bei der WM 1982 in Spanien, dann wird sogleich der Trainer entlassen und auf den Straßen von Rio oder Sao Paulo nimmt noch nicht mal ein Hund ein Stück Wurst von ihm.
Kurz vor Beginn der WM 1958 in Schweden debütierte der nur 1,67 m große Mario Jorge Lobo Zagallo für die Seleção und lief in allen sechs Spielen inclusive des Finales auf. Er erzielte dabei drei Tore und vervollkommnete den taktisch disziplinierten Linksaußen, der häufig Defensivaufgaben übernahm, wenn die Offensive Adrenalinschübe hatte und alles vergaß, was hinter ihnen bei Ballverlusten passieren konnte.
In der Taktik von Trainer Vicente Feola war Zagallo ein wichtiger Baustein, sein 4-2-4 System variabel zu gestalten. In der Offensive komplettierte der Stürmer die Wunderstürmer Vava, Pele und Garrincha, in der Defensive half er Didi und Zito, die gelegentlichen Löcher zu stopfen, die die Zauberer vorne ohne Janusblick hinterlassen würden. Dettmar Cramer adelte ihn einst:“ Er konnte laufen wie ein Hund, war grazil wie eine Ballerina und vor allem hatte er ein grandioses Spielverständnis, eine hohe Spielintelligenz“:
Aber manchmal kam der kleine Mario sich im Angriffswirbel Brasilliens ein wenig verloren vor, so wie1958 während des entscheidenden Vorrundenspiels gegen den Mitfavoriten Sowjetunion (2:0). Die hatten gerade den Sputnik rund um den Erdball geschickt, waren Olympiasieger und auch ansonsten überzeugt, Repräsentanten des überlegenen Gesellschaftssystems zu sein, was den Fußball miteinschloss. Da machte ihnen ein anderer Sputnik einen Strich durch die Rechnung: Garrincha. Feola hatte Spielmacher Didi eingetrichtert, den ersten Ball gleich Garrincha zu geben, um den Sowjets zu zeigen, wo „der Barthel den Most holt“. Garrincha erhielt den Ball. Der knorrige, international renommierte Russe Kusnezow kam dem Paradiesvogel entgegen, Garrincha täuschte links an, ging natürlich rechts am stocksteifen Verteidiger vorbei und zu guter Letzt fiel der Russe noch auf die Nase. Garrincha wartete, bis der sich wieder aufrappelte, umspielte ihn nochmal, weil ihm das so gut gefiel, und drang unbehelligt in den Strafraum, gehütet von Lew Jaschin, ein. Zagallo, der Zaungast auf der linken Sturmseite der Seleção, erinnerte sich 50 Jahre später:“ „In diesen fantastischen ersten Minuten war ich nur Zuschauer auf dem Feld, der Ball war ständig auf der rechten Seite, bei Garrincha, Pele und Didi. Die Sowjets begriffen nicht, was geschah.“

2.v.l. Zagallo:
Quelle Foto: Wikimedia commons
Zagallo nahm wunderbare Erinnerungen an den in Schweden vorhandenen Teamspirit und spielerisch taktische Erfahrungen mit in den weiteren Turnierverlauf 1958, aber auch in die vier Jahre später in Chile ausgetragene WM, als es der fast gleichen, nunmehr etwas älteren Mannschaft ohne den früh verletzten Pele gelang, erneut Weltmeister zu werden. Zagallo war prädestiniert, all diese positiven Eindrücke und Erfahrungen später auch als Trainer der Seleção umzusetzen.
Er war der erste Fußballer, der sowohl Weltmeister als Spieler wie auch als Trainer wurde. Das schafften nach ihm bisher nur Franz Beckenbauer mit Deutschland (1974 und 1990) und Didier Deschamps mit Frankreich (1998 und 2018). Und er ist der Einzige, der vier Siegermedaillen nach einem WM-Endspiel überreicht bekam. (FIFA-Statement).

Vorgänger Saldanha war kurz vor WM-Beginn 1970 gefeuert worden, weil dem Verband unter Joao Havelange seine liberale Grundhaltung gegenüber den Spielern gegen den Strich ging. Zwei Dinge nahm man ihm übel. Er wollte Pele nicht nominieren (nicht fit und eine vermeintliche Sehschwäche) und setzte Sex als Geheimwaffe ein. Aus den Trainingslagern wurde kolportiert, dass es drunter und drüber ging. Leichte Mädchen gingen ein und aus, es gab alkoholhaltige Kaltgetränke und die Spieler durften ausgehen, wann sie wollten. Es gab nur eine Bedingung von Saldanha. „Wechselt die Mädchen nicht während der Woche, nur montags“ Da die Brasilianer nicht nur fußballverrückt, sondern auch sehr religiös denkend sind, schritt die Militärjunta ein. Vergeudung von Manneskraft gefährdete den so dringend herbeigesehnten WM-Titel.
Zagallo setzte auf den fast dreißigjährigen Pele und umgab ihn mit vier Spielmachern: Gerson vom FC Sao Paulo, Tostao von Cruzeiro Belo Horizonte, Rivelino von SC Corinthians Sao Paulo und seinem Mannschaftskollegen vom FC Santos, Clodoaldo. Komplettiert wurde diese geballte Offensivmacht vorne rechts durch Jairzinho von Botafogo und den stürmenden Verteidiger Carlos Alberto vom FC Santos. „Ein Team mit 1000 PS ohne Bremsen“ (Christian Eichler)

v.l. oben: Carlos Alberto, Brito, Piazza, Felix, Clodoaldo, Everaldo, Mario Zagallo;
v.l. unten: Jairzinho, Rivelino, Tostao, Pele, Paulo Cesar: Quelle Foto: Wikimedia commons
Diese Mannschaft ist bis heute die torhungrigste in der Geschichte der WM-Turniere. Mehr als drei Tore pro Spiel und das mit der schlechtesten Abwehr, die jemals Weltmeister wurde. Zagallo negierte die Aufwallungen in Brasilien bezüglich seiner Nominierungen für die Offensive. „Das sind alles nur Spielgestalter. Wie soll das denn gutgehen. Die stehen sich doch nur auf den Füßen“. Aber Zagallo wusste: Der Angreifer ist dem Verteidiger immer einen Gedanken voraus.
Brasilien wurde überzeugend Weltmeister mit „jogo bonito“ und es reifte die Erkenntnis, das Ex-Trainer Saldanha vielleicht doch dank seiner „Geheimwaffe“ im Vorfeld des Turniers seinen Anteil am Gewinn dieser WM hatte und den Brasilianern nach dem dritten Titel endgültig den Coupe Jules Rimet bescherte und der damit in ihren Besitz überging.

Mario Zagallo war von 1970 bis 2006 in vielfältigen verantwortlichen Positionen für die Seleção tätig. Als Trainer bei den Weltmeisterschaften 1970, 1974 und 1998), als Technischer Direktor 1994 und sogar noch in Deutschland 2006 als Technischer Koordinator.
Die WM 1998 war im Nachhinein ein Desaster für Brasilien, obwohl das Team sehr gut durch das Turnier marschierte und als Favorit im Finale gegen Frankreich galt, das bis dahin nicht überzeugend gespielt hatte. Zudem fehlte Frankreichs Abwehrorganisator Laurent Blanc, rotgesperrt. Kurz vor Beginn des Spieles um 21.00 Uhr im Stade de France in Paris kamen Gerüchte auf. Superstar Ronaldo war zwar in der Startelf auf den offiziellen Spielberichtsbögen für die Spielverantwortlichen und die Medien notiert, aber mit dem dahinterstehenden Kürzel „n.a.“ (not available), nicht verfügbar. Was war passiert? Der Spiegel schreibt:“ Nach dem Mittagessen zogen sich Roberto Carlos und Ronaldo auf ihr Zimmer im Hotel „Chateau de Grande Romaine“ nahe Paris zurück. Und dann passierte etwas mit Ronaldo. Jäh krampfte sein Körper. Ronaldo kollabierte und hatte Schaum vor dem Mund. Roberto Carlos schrie um Hilfe. Ronaldo stirbt! Zimmer-Nachbar Edmundo kam dazu und sah, wie sich Ronaldo im Anfall selbst schlug. Verteidiger Cesar Sampaio stellte sicher, dass er seine Zunge nicht verschluckte. Ronaldos Körper entspannte sich, er schlief ein „wie ein Baby“, so die Augenzeugen. Die nächsten Stunden verbrachte Ronaldo im Krankenhaus, während die Mannschaft sich im Stadion vorbereitete. Edmundo sollte für ihn zum Einsatz kommen. Beim Einlaufen der Mannschaften war zu aller Überraschung Ronaldo dabei.
Was mag Trainer Zagallo bewogen haben, den Stürmer einzusetzen. Ronaldo war ein völliger Ausfall, ein Schatten seiner selbst. Kraft, Ideen-und wirkungslos, im französischen Sprachgebrauch eine „Quantite neglegiable“. Vernachlässigenswert.

Sogar ein Untersuchungsausschuss des brasilianischen Parlamentes beschäftigte sich mit dem ungewöhnlichen Vorfall. Zagallo erklärte den Ausschussmitgliedern: „Natürlich habe ich Ronaldo spielen lassen. Hätte ich ihn draußen gelassen und wir hätten 0:3 verloren, hätten die Leute gesagt; Zagallo ist stur, das ist doch der beste Spieler der Welt. Ich hätte zum Nordpol ziehen müssen“. Großartige Bedingungen für Verschwörungstheorien.
Brasilien verlor das Finale gegen die keineswegs übermächtigen Franzosen glatt mit 0:3, zumal deren wichtiger Innenverteidiger Marcel Desailly in der 68. Minute vom Platz gestellt wurde. Ronaldo wurde nicht mal ausgewechselt. Die mysteriösen Ereignisse vor dem Finale und der Spielverlauf waren eine große persönliche Niederlage für Zagallo mit der logischen Konsequenz, dass er und Co-Trainer Zico sofort entlassen wurden. Aber in den 2000er Jahren war die Halbwertzeit erneut vorbei und „der ewige“ Mario stand wieder im Kreis der Seleção. Er war nicht ersetzbar.
Mario Zagallo hat die Begründung für die Nominierung Ronaldos 1998 mit ins Grab genommen. Am 5. Januar 2024 verstarb „o velho lobo, der alte Wolf“, achtundvierzig Stunden später folgte ihm Franz Beckenbauer in den Fußball-Himmel.



