Brasilien 1958
„Das schöne Spiel (o Jogo Bonito)“

stehend v.l.: Djalma Santos, Zito, Bellini, Nilton Santos, Orlando, Gilmar
Knieend v.l.: Garrincha, Didi, Pele; Vava, Zagallo
Quelle Foto: Wikimedia Commons
Der Ball ist farbenblind. Sonst wäre ihm schwindlig geworden in jenen Tagen der Sommersonnenwende (Midsommar) während der Fußball-WM 1958 in Schweden. Mitte Juni geht dort die Sonne nicht unter, es herrscht tagsüber gleißendes Sonnenlicht. Aber trotzdem sahen die blinden Spielbälle einen aufgehenden hellen Fixstern am Horizont des internationalen Fußballs: Die „Seleção“ Brasiliens. Die in Europa noch wenig bekannte Mannschaft (es gab noch keine Fernsehübertragungen) spielte das „Jogo Bonito“, das schöne Spiel, wie von einem anderen Stern. Die Instinktfußballer von der Copacabana wollten das irdische Gesetz außer Kraft setzen, dass der WM-Pokal „Jules Rimet“ auf dem Kontinent bleibt, auf dem das Turnier ausgetragen wird. Und dann wurde das farbenblinde Spielgerät auch noch mit diesen knallgelben Trikots, kurzen, hellblauen Hosen und kaffeebraunen Gesichtern konfrontiert. Als der Ball begriffen hatte, dass Farbe im Spiel war, musste er noch etwas anderes lernen, was man ihm auf Europas Fußballplätzen nicht beigebracht hatte. Die Konfrontation mit geschmeidigen, an den Stränden und den Favelas der Großstädte Brasiliens antrainierten und dennoch archaischen Bewegungsabläufen von Spielern, deren Künstlernamen sich sogar die Klein-Kinder in diesem fußballverrückten Land jenseits des Atlantiks merken konnten. Vava, Didi, Zito, Pele. Und dann kam der Spielball auch noch in die Fänge eines Künstlers namens Garrincha, der mit einem O-Bein und einem kürzeren X-Bein ausgestattet war. Der Ball war ihm hörig.
In der Seleção bündelten sich alle brasilianischen fußballprägenden Urinstinkte. Voodoo-Zauber, Lebensfreude, Sambatanz, Ballverliebtheit, Aberglauben, Angriffslust und Heiligenverehrung. Götter hatten die Füße der Spieler berührt. Das 4 :2 :4 System von Trainer Vicente Feola war ganz auf Angriff seines „Dreamteams“ angelegt. Die Defensive bestand aus den Rechts -und Linksverteidigern Djalma und Nilton Santos, der Innenverteidigung mit Bellini und Orlando und aus zwei den Angriff vorbereitenden Spielern im Mittelfeld, Didi und Zito. Der „perfekte Sturm“ mit Garrincha, Vava, Pele und Zagallo verursachte dann die Flurschäden im gegnerischen Strafraum. Die Hörfunk- und Fernsehreporter fanden bei ihren Schilderungen des Spielgeschehens ab dem Viertelfinale keine Zeit mehr für Verben, nur noch für Namen und Vokale.

Seit der Schmach von Maracana bei der WM 1950, der Niederlage gegen Uruguay, wartete das ganze Land rund um den Zuckerhut von Rio de Janeiro auf den ersten Weltmeistertitel. Möglichst mit „Jogo Bonito“. Die damals rund 60 Millionen Brasilianer (heute hat Brasilien über 200 Mio. Einwohner) verschiedenster ethnischer Herkunft sehnten nach acht Jahren nur eines herbei: Endlich den Fluch des „Maracanaco“ zu beenden, endlich Weltmeister zu werden! Aber: Bloß nicht in den weißen Trikots wie bei der Tragödie von1950, die logischerweise verhext waren. Dem „Maracanaco“-Fluch begegnete man mit der Entscheidung, künftig Elemente der Nationalfarben der „Bandeira Brasileira“zu verwenden. Das flächige Grün steht für Wald und Natur, das Gelb in Form einer Raute für die Reichtümer, der in Blau gehaltene Kreis für den Himmel und das Weiß für den Frieden
Nach 1950 trat die Seleção nie mehr in den traditionellen weißen Trikots an. Gelb-Blau wurde zum Markenzeichen. Außer beim Endspiel 1958. Der Aberglauben machte in Brasilien wieder die Runde. Da läuft wieder was schief beim Griff zum Weltmeistertitel. Als Gastgeber hatte Schweden das „Ius primae“ bei der Trikotwahl. Und die Wikinger wählten natürlich das Standard-Trikot in ihren Nationalfarben: Blau wie der Midsommar-Himmel und Goldgelb wie die Sonne des Nordens. Brasilien musste umdisponieren und der Zeugwart war nicht vorbereitet. Lösung: Die brasilianische Delegation suchte und fand in Stockholms Sportgeschäften ein würdiges Zweittrikot in Blau, das schwedische Auswärtstrikot. Brasiliens seit 1950 stilbildendes Nationaltrikot „Canarinha“ (gelbe Trikots, grüner Kragen, weiße Stutzen) hatte Gott sei Dank ein blaues Element: Die Hosen. Ein findiger Schneidergeselle übernähte das schwedische Fußballwappen mit dem brasilianischen Dekor und die brasilianischen Ballkünstler schlüpften in ihre neuen, blauen Trikots, mit weißen Hosen und Stutzen. Die brasilianische Nation flehte noch alle Heiligen (Santos) und Voodoo-Experten an, doch bitte von Flüchen abzusehen. Wie konnte man auch wissen, dass die Schweden keine Brasilianer sind (späteres Zitat von Franz Beckenbauer nach einem DFB-Länderspiel gegen Schweden).
Die WM 1958 war der Durchbruch des Fernsehens für weltweite Sportübertragungen, wenn auch nur in schwarz-weiß. Die Eurovision zeigte 11 Spiele direkt in Europa, die Spiele der Südamerikaner wurden nach der Aufzeichnung sofort per Flugzeug in die Sendezentren der teilnehmenden Teams von Argentinien, Paraguay, Brasilien und Mexiko gebracht und mit einer Zeitverzögerung von einem Tag dort ausgestrahlt. Und in der Fantasie der Zuschauer spielten die Brasilianer farbig. Sobald der Ball lief, ruhte der Verstand.
Vicente Feola, der Trainer (o Treinador)

Das alte WM-System von Herbert Chapman (Arsenal London), mit dem Deutschland noch 1954 Weltmeister geworden war, landete 1958 auf dem Scheiterhaufen der Fußballgeschichte. Brasiliens Trainer Vicente Feola, vorher Assistenztrainer seines Mentors Bela Guttmann beim FC Sao Paulo (ab 1957) hatte viel von dem erfahrenen Ungarn gelernt. Dessen Offensivstrategie mündete im 4-2-4 System und bedeutete die endgültige Abkehr vom starren „3-2-2-3 WM-System“, das seit den 30er Jahren die Taktik des Fußballs in Europa und Südamerika prägte. Feola fand eine Ordnung, die Individualisten im Sturm in ein funktionierendes Korsett einzubinden, ohne dabei deren Kreativität allzu sehr zu bremsen. Dafür brauchte er im offensiven Mittelfeld Didi, der seine Wildgänse in einer Symmetrie brasilianischer Zugvögel führte. Die vorne sehr selbständig operierende Offensive hielt er im Zaum. Und wenn eine Wildgans wie Garrincha oder Pele mal aus der Formation ausbüxten, half Didi dank einer gut organisierten Abwehr die gefährlichen gegnerischen Konterattacken bei Ballverlusten im Vorwärtsdrang auch ohne die kurz entflogenen Wildgänse zu entschärfen.

Feola brauchte in Schweden die Spiele der Vorrunde, um die Idealformation zu finden. Von der Auftaktelf gegen Österreich (3:0) waren im Endspiel gegen Schweden (5:2) gleich fünf Spieler nicht mehr dabei. Sein größter Helfer war Mario Americo, der langjährige Physiotherapeut der Seleção. Als verlängerter Arm überbrachte Americo taktische Anweisungen seines Chefs, wenn der Spieler anwies, eine Verletzung vorzutäuschen. Americo rannte mit seiner „Box of tricks“, in der sich auch pflanzliche Salben befanden, aufs Spielfeld und begann mit der vermeintlichen Verarztung des Spielers, aber auch mit der Weitergabe taktischer Anweisungen. Selbstverständlich, dass Americo wichtiger Bestandteil der Mannschaftsaufstellung wurde, zumal ihm auch noch Voodoo-Kräfte zugeschrieben wurden. In der Kabine soll er während der Halbzeitpause schamanenhafte Tänze und heidnische Dankrituale aufgeführt haben. Das garantierte den WM-Titel, abgesehen von der sehr erfolgreichen Taktik Feolas und einer goldenen Generation von begnadeten Spielern.
Gilmar, der Adelige (o Nobre)


„Ich war erst 17. Ich schoss zwei Tore in einem WM-Finale. Ich wurde Weltmeister. Der König von Schweden kam zu mir, umarmte und lobte mich. Für einen 17-jährigen Jungen ist das nicht normal“. (Pele.) Der Junge brauchte bei dieser Explosion der Gefühle eine Amme, die ihn an die Brust nahm und ihn hemmungslos ausweinen ließ.
Diese Rolle übernahm Torwart Gilmar, der bei drei WM-Turnieren (1958/1962/1966) im Tor der Seleção stand und zwei Mal Weltmeister wurde.
Gilmar ist ein männlicher Vorname althochdeutscher Herkunft (Giselmar)mit der Bedeutung „der berühmte Adelsspross“. Angesichts der Kreativität brasilianischer Eltern, ihrem männlichen Nachwuchs, der natürlich eines Tages für die Seleção auflaufen wird, einen merkwürdigen Namen zu geben, ist die Namensfindung für diesen nicht sehr großen Torhüter (1,81) nachvollziehbar. Zumal er europäisch aussah. Katzenartige Geschmeidigkeit, brillantes Reaktionsvermögen, Intelligenz und stoische Ruhe stellten ihn auf eine Stufe mit seinem kongenialen Pendant jener Zeit aus der Sowjetunion, Lew Jaschin. Gilmar war ein Caballero, der eher wie ein Filmstar aussah, nicht wie ein Fußballer.
In jenen fernen Zeiten, als die Bilder laufen lernten, ging ein junger Brasilianer erst dann ins Tor, wenn er keine Chance auf eine Feldposition hatte oder als Letzter bei der Mannschaftswahl gezogen wurde. Das änderte sich auch durch Gilmar nicht. Erst ab den 2000er Jahren erweiterte sich die brasilianische Torwartpräsenz in Europas Top-Clubs. Dida (AC Mailand) und Julio Cesar (Inter Mailand) stehen beispielhaft für diese neue Generation von Torhütern aus südamerikanischen Gefilden und waren Vorreiter von heutigen brasilianischen Weltklasse-Keepern in Europa. Derzeit repräsentieren Alisson Becker (FC Liverpool) und Ederson (Manchester City) dieses hohe Niveau, auf dem bereits ihr Urvater Gilmar, die Amme Peles, spielte.
Djalma Santos, der Wall (o Muralha) und Nilton Santos, (o Enciclopedia do Futebol)

Es ist ein Mythos, dass Brasilien 1958 und 1962 mit reinem Angriffsfußball Weltmeister wurde. Auch die Defensive war Weltklasse in ihrem Bemühen, die zwangsläufigen Lücken hinter dem Hurrafußball vorne zu schließen und auch konstruktive Offensivbeiträge vor allem über Nilton Santos zu leisten. Dessen Ausflüge stellten in jener Zeit noch absolute Häresie dar. Taktisch disziplinierte Spieler wie Djalma und Nilton Santos (When the Saints go marching in) neben dem Scharnier Didi und dem Rasenmäher Zito im Mittelfeld hielten das sehr offensive 4-2-
4 System Brasiliens an seinen Eckpunkten zusammen, ergänzt um die offensive und defensive Allzweckwaffe Mario Zagallo. Das Gerücht von den Santos-Brüdern konnte auch ein mittelmäßig erfahrener Anthropologe wissenschaftlich entkräften. Djalma hatte eine schwarze, Nilton eine wesentlich hellere Hautfarbe bei vier Jahren Altersunterschied. Zwillinge waren sie auf jeden Fall nicht.

Bellini und Orlando (o Panzer bonito)

Orlando bildete mit Bellini die Innenverteidigung. Sie waren das defensive Rückgrat für die Zauberer im Sturm, wie in ihrem Heimatclub Vasco da Gama. Durch die herausragende Offensive geriet die großartige Abwehrarbeit der Seleção rund um Bellini etwas in den Hintergrund der öffentlichen Wahrnehmung, nicht nur der Fußballfans aus Brasilien! Der gutaussehende Bellini war darüber hinaus der Kapitän und nahm deshalb aus der Hand des schwedischen Königs Gustav IV. Adolf den goldenen „Coup Jules Rimet“ entgegen.

Kuriosum: Orlando und Garrincha beendeten ihre Karriere in der Seleção nach der WM 1966 in England mit ihrer einzigen Niederlage im Nationaltrikot. 1:3 gegen Portugal. Es war eine Wachablösung anderer Art. Die Seleção, geprägt über viele Jahrzehnte von Spielern, die Nachkommen afrikanischer Sklaven waren, wurde abgelöst von Spielern wie Eusebio oder Coluna, die zwar ebenfalls afrikanische Wurzeln hatten, aber glücklicherweise als portugiesische Kolonialbürger aus Angola oder Mozambique ihr Leben in Portugal selbstbestimmt aufbauen konnten. Das leitete in den 60er Jahren eine Zeitenwende im internationalen Fußball ein, die seitdem den europäischen Clubs viele afrikanische Talente bescherte, die völkerrechtlich unbedenklich ihren komfortablen Lebensunterhalt in den europäischen Ligen bestreiten.
Zito, der Heilige (o Santos)

Als die Weltmeister Zito und Pele im Juli 1958 zu ihrem Heimatverein, dem FC Santos (die Heiligen) zurückkehrten, schloss sich ein Kreis, den nur der Fußballgott kreieren kann. Denn zwischenzeitlich hatte sich der Heilige Geist (o Espírito Santo) in den fabelhaften Auftritt der Seleção in Schweden derart eingemischt, dass der schwedische Abwehrspieler Sigge Parling nach dem Endspiel angesichts der übermächtigen Kräfte des Gegners resignativ eingestand: „Nach dem fünften Gegentreffer hatte ich keine Lust mehr, sie zu bewachen. Ich wollte ihnen nur noch applaudieren“.
Zito war der Uwe Seeler Brasiliens. Von der Wiege bis zur Bahre. Beide verbrachten ihre Profi-Karriere nur bei einem einzigen Verein. Uwe beim Hamburger SV mit 581 Spielen, Zito beim FC Santos mit 727 Spielen. Pele wäre auch ein Kandidat für extreme Vereinstreue trotz vieler finanzieller Verlockungen gewesen (583 Spiele für Santos), flog aber die beiden letzten Jahre seiner Karriere dem „Espírito Santo“ entgegen und spielte noch von 1975 bis 1977 bei Cosmos New York.
Zito war neben Didi und Nilton Santos der Mannschafts-Mentor des jungen, 17-jährigen Pele. Er überzeugte Coach Vicente Feola im Frühjahr 1958, den Jungspund nach Schweden mitzunehmen. Pele erinnert in seiner Autobiografie an das verheerende Urteil eines vom Verband engagierten Psychologen, der alle Spieler ob ihrer Tauglichkeit testete, das für Brasilien so wichtige Turnier zu bestreiten. „Pele ist offensichtlich infantil. Es fehlt ihm der Kampfgeist“. Da intervenierte Zito, der die Künste des jungen Pele als Mannschaftskollege genau kannte.
Zito agierte im linken Mittelfeld defensiv. Noch ein offensiver Midfielder neben Didi und dem häufig stürmenden linken Verteidiger Nilton Santos wäre des Guten dann doch zu viel gewesen. Schützenhilfe bekam er gelegentlich von Mario Zagallo, wenn der Gegner mal Ambitionen Richtung brasilianisches Tor zeigte. Im Spiel gegen die mitfavorisierte Sowjetunion mit einem Angriffs-Verhältnis von 36:1 war das nicht nötig. Die Offensive nagelte die „Sbornaja“ in deren Hälfte fest und hinterließ in der brasilianischen Abwehr regelrechte Langeweile.
1962 wurde Zito erneut Weltmeister und beendete seine Karriere in der Seleção mit der Teilnahme an der WM 1966 in England.
Didi, das welke Blatt (o Folha seca)

Didi war der Spielmacher, der geistige Lenker, das Hirn der Seleção, das die freischaffenden Künstler im Sturm befruchtete und navigierte. Didi war ein Vertreter des klassischen „körperlosen“ Fußballs, der ein Spiel nie in einem erbitterten Kampf enden sehen wollte.
Seine Fähigkeit als „Coast to Coast“-Spieler über das gesamte Spielfeld war das Ergebnis harter Arbeit. Didi über seinen früheren Vereinscoach Zeze Moreira bei Fluminense: „Unter dessen Fuchtel habe ich sieben Jahre geächzt und gestöhnt, aber auch unendlich viel gelernt. Es war eine harte Zeit voller Schweiß und Mühsal, aber sie hat sich gelohnt. Früher war ich Valdir Pereira, erst Moreira hat aus mir das gemacht, was ich heute bin: Didi“. Dem Sterblichen sind immer Arbeit und Kampf vor das Ziel gesetzt. Seinem Kopf entspringt nicht sogleich das fertige Kunstwerk wie Pallas Athene dem Haupte des Zeus.
Eine Spezialtechnik Didis lief so ab: Er gab dem Ball mit dem Außenrist einen so starken Drall, dass der vor allem nach Freistößen hinter den gegnerischen Abwehrreihen wie welkes Herbstlaub (o Folha seca) unberechenbar für Torwart und Verteidiger zu Boden fiel. Das war Manna für die Stürmer, die die Auswirkung des Magnus-Effektes kannten und antizipierten. Sie wussten wahrscheinlich nicht, dass dieser Effekt nach Heinrich Gustav Magnus (1802-1870) benannt war. Der entdeckte das Phänomen der Strömungsmechanik und beschreibt die Querkraftwirkung (Kraft), die ein rotierender runder Körper (Zylinder, Kugel oder Ball) in einer Strömung erfährt. Da war nichts mit Voodoo-Zauber!
Natürlich klopfte Real Madrid nach Didis großartigen Leistungen in Schweden bei Fluminense an und wollte ihn als Ersatz für Hector Rial verpflichten. Für üppige Peseten wechselte der Spielmacher zu Real und wurde zum Edelreservisten. Die offensive Rolle im Spielsystem des „Weißen Balletts“ neben Gento, Kopa und Puskas lag ihm überhaupt nicht und an der dominanten Stellung von Alfredo di Stefano als Spielgestalter des „Weißen Balletts“ durfte er nicht rütteln, zumal di Stefano ihn nicht mochte.
Desillusioniert kehrte Didi nach einem Jahr zu Botafogo zurück und führte Brasilien erneut zur Weltmeisterschaft 1962 in Chile und beendete seine Karriere in der Seleção nach der WM 1962 mit dem siegreichen Finale gegen die Tschechoslowakei (3:1).
Sein „Freund“ Alfredo di Stefano machte zwar insgesamt 41 Länderspiele für Argentinien, Kolumbien und Spanien, bestritt aber nie ein WM-Spiel.
Pele, der König (o Rei)

Edson Arantes do Nascimento, kurz Pele genannt, wurde eine Glorie zugeschrieben, die nur in katholischen Heiligenlegenden ihresgleichen findet. Der Heiligenschein wurde ihm am 29.Juni 1958 im Rasunda-Stadion von Stockholm über den Kopf gestülpt. Pele nahm in der 54. Minute einen auf ihn zufliegenden Ball von Nilton Santos kommend im schwedischen Strafraum auf, indem er das runde Flugobjekt mit der Brust stoppte, den Ball kurz auf den Boden aufspringen ließ und ihn dann über den hilflos auf ihn zustürmenden Verteidiger Gustavsson lupfte, den umlief und volley zum 3:1 vollendete. Bei dieser WM war Pele das Nesthäkchen, das mit seinen kongenialen Sturmkollegen Ball und Gegner laufen ließ und sich mit königlicher Unbekümmertheit darüber amüsierte. Sein bester Freund war aus Leder. Dem Berichterstatter von der „Frankfurter Rundschau“ fehlten die Worte, Brasiliens Triumph zu beschreiben. „Mit den europäischen Vokabeln ist das nicht möglich, weil es für die ständigen Tricks und Täuschungen keine Worte gibt, weil sie in Europas Fußball nicht vorkommen“.
Pele wurde 1962 (ab dem zweiten Spiel verletzt) und 1970 erneut Weltmeister, eine überall beliebte Ikone und der Weltfußballer schlechthin. Nach der Karriere machte er einige ungute Erfahrungen, aber Garrincha war ihm ein warnendes Beispiel, wie es nicht enden darf. Bis zu seinem Lebensende praktizierte er einen Apres-Fußball in der Art und Beliebtheit Franz Beckenbauers, einer seiner genialen Nachfolger im internationalen Spitzenfußball.
Garrincha, der Zaunkönig (a ave do Paraiso)

Im Vorrundenspiel gegen die starke Sowjetunion dominierte Brasilien das mit vielen Vorschusslorbeeren angereiste russische Kollektiv mit Lew Jaschin im Tor. „Ihr stolzer wissenschaftlicher Fußball war nie zuvor so demoralisiert worden, und dies durch einen armen Jungen vom Land, dunkelhäutig, klein, schielend, mit lächerlich krummen Beinen. Garrincha war ein perfektes Beispiel für Antiwissenschaft, der „Anti-Sputnik“, schreibt Garrinchas Biograf Ruy Castro. Garrincha, Kind des Urwalds, spielte und lebte nach seinen Urinstinkten. Dabei war der Zaunkönig zunächst gar nicht für die WM in Schweden vorgesehen, weil Dr. Joao Carvalhaes, der Psychologe, der auf Verbandsinitiative alle brasilianischen Kandidaten testete, dem Jungen aus den Urwäldern von Pau Grande südlich von Rio de Janeiro Debilität unterstellte. Und weil er schon mal beim Testen war, empfahl er dem Trainerteam, auch auf Pele zu verzichten, weil der mit seinen 17 Jahren noch zu kindlich sei. Coach Vicente Feola ignorierte die Empfehlungen. Der “Depp” und der Jungspund leiteten einige Monate später eine spielerische Revolution ein, die bis 1970 dauerte und Brasilien drei Weltmeistertitel bescherte. Fußball ist manchmal Märchenstoff. Den Coup Jules Rimet nahmen die Brasilianer an den Zuckerhut mit. Die einzige konkrete Hinterlassenschaft in Schweden war -außer dem großartigen Eindruck ihres „schönen Spiels“- ein Nachkomme Garrinchas. Der erblickte im März 1959 im Säuglingsheim des noch verschneiten Wintersportort Hindas (Quartier der Brasilianer 1958) das Licht Schwedens und verbrachte die ersten Tage im Umfeld neuer blonder schwedischer Erdenbürger. Garrincha erkannte diese Hinterlassenschaft des Midsommar 1958 in Form seines Sohnes Ulf an.
Vava, die Eisenbrust (o Peito de aco)

Sein Sturmspiel als Halbrechter hatte eher europäischen Charakter: voller Einsatz, die Zweikämpfe suchend, hart im Nehmen und kompromissloser Abschluss, ohne das Zaubern seiner Stürmerkollegen. Und er hatte einen technisch perfekten strammen Schuss, bei dem der Ball wegen der Luftreibung fast Feuer fing. In den entscheidenden Spielen Brasiliens auf dem Weg zum Weltmeistertitel (Halbfinale 5:2 gegen Frankreich und Finale 5:2 gegen Schweden) schoss er die entscheidenden Tore. Vava war neben Didi der einzige Spieler des neuen Weltmeisters, der nach der WM sein Glück nebst möglichem Reichtum (Marktwert 1958: 800.000 Mark) in Europa suchte. Von 1958 bis 1961 spielte er bei Atletico Madrid.
Didi und Vava wurden vielleicht reich, waren aber nicht erfolgreich und glücklich auf der iberischen Halbinsel, von der viele der Sklavenhändler stammten, die über den Anlande-Hafen Salvador de Bahia in Brasilien die afrikanischen Vorfahren eines großen Teils der heutigen brasilianischen Einwohner unter menschenunwürdigen Umständen über den Atlantik verfrachteten und sie auf dem südamerikanischen Kontinent ins Sklaventum verkauften.
Als erster Spieler erzielte Vava Tore in zwei verschiedenen WM-Endspielen (1958 und 1962). Erst danach folgten Pele (1958 und 1970), Paul Breitner (1974 und 1982), Zinedine Zidane (1998 und 2006) und zuletzt Kylian Mbappe (2008 und 2012).
Zagallo, der Ewige. (o Zagallo eterna)

Er war nur nominell Linksaußen, ließ sich fallen, um den genialen Stürmern die notwendigen Freiräume zu verschaffen und dann wieder als Wache zu fungieren, wenn einen der Verteidiger -meist Nilton Santos-der Offensivdrang übermannte. Er war schon als Spieler mit der Wahrnehmung eines großen Trainers ausgestattet und formte später das großartige Weltmeisterteam von 1970 rund um Gerson, Tostao, Pele, Jairzinho, Rivelino und Carlos Alberto.
Trainer Vicente Feola in einem Interview 1958: „Wenn sie wirklich von einem System schreiben möchten, dann seien sie auch genau. Ich spiele mit“ 4-2,5-3,5“. Der halbe Mittelfeldspieler und der halbe Stürmer war Zagallo. Beim Angriff komplettierte er den Sturm mit Vava, Garrincha und Pele, in der Defensive unterstützte er Didi und Zito im Mittelfeld. „Er konnte laufen wie ein Hund, war grazil wie eine Ballerina und vor allem hatte er ein grandioses Spielverständnis, eine hohe Spielintelligenz.“(Zitat Dettmar Cramer)
Mario Zagallo war der erste Fußballer, der sowohl Weltmeister als Spieler (1958 und 1962) und auch als Trainer (1970) wurde. 1994 war er Technischer Direktor Brasiliens beim Gewinn des WM-Titels in den USA und saß auf der Bank neben Trainer Carlos Alberto Parreira. Und damit nicht genug. Bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich war er wieder Chefcoach. Noch 2006 in Deutschland fungierte er als Technischer Koordinator. Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er heute noch. Vielleicht sehen wir ihn bei der WM 2026 in den USA wieder.













